Von Dietrich Strothmann

Dem Wüstenreich des Königs Hussein steht ein kalter Sommer bevor. Er ist isoliert. Kairo hat ihn mit dem arabischen Bann belegt. Wegen Husseins Eigenmächtigkeiten in Sachen "Separatlösung mit Israel" brach Ägyptens Staatschef Sadat die diplomatischen Beziehungen zu Amman ab. Sperrt er jordanischen Flugzeugen auch noch den ägyptischen Luftraum, dann ist die Blockade fast total.

Die Regierung in Jerusalem befand sich, mit Ausnahme des Vizepremiers Allon, diesmal in einer merkwürdigen Koalition mit Husseins Widersachern: Auch sie lehnte mit Entschiedenheit den Lösungsvorschlag des bedrängten Monarchen ab, der die Bildung von zwei autonomen Provinzen, Palästina und Jordanien, in einem "Vereinigten Arabischen Königreich" vorsieht. Sadat vor allem mißfiel, daß Hussein öffentlich erklärte, sich an keinem neuen israelisch-arabischen Waffengang zu beteiligen und damit Kairo den Vortritt für eine Separatregelung mit Jerusalem am Suezkanal verwehrte. Die radikalen Palästinenser schalten den Monarchen einen "Verräter", weil er nicht länger bereit sei, für die "Befreiung" ganz Palästinas, also einschließlich Israels, zu streiten und sogar die Existenz des Judenstaates akzeptieren wolle.

Wenn auch erst nach langem Zögern – eine Woche brauchte Sadat, um Husseins Plan abzulehnen, mehr als eine weitere Woche wartete er mit der Abbruchs-Ankündigung –, so wollten des Königs arabische Kontrahenten bis zuletzt nicht einsehen, daß der jordanische "Teilungsplan" an zwei Vorbedingungen geknüpft ist: an die Rückgabe Ostjerusalems und an den Rückzug der israelischen Besatzungstruppen aus dem Hauptteil Westjordaniens gemäß der UN-Resolution.

Daß er nicht alles von den Israelis bekommen kann, weiß der Regent, seit er im Juni 1967 den Krieg verlor. Daß er andererseits dem Sieger keinen Friedensvertrag offerieren konnte, wollte er nicht auch von seinen eigenen Landsleuten als Kollaborateur gebrandmarkt werden, hätten wiederum Israels Minister begreifen müssen. Aber sie stellten sich taub. Und da sie obendrein, wohl zu Recht, befürchteten, daß Washington wie Moskau mit den Grundelementen des Angebotes aus Amman einverstanden sind, fiel ihre Ablehnung um so barscher aus. Hussein hat die "Maximalisten" auf beiden Seiten der Front in ihrem Starrsinn nur noch bestärkt. Das ist das eine negative Resultat.

Die andere Negativbilanz sieht so aus: Unter den Einwohnern im besetzten Cisjordanien haben die Gegner des Haschimiden im fernen Amman Zulauf bekommen. Das bewiesen die Ergebnisse der Kommunalwahl im nördlichen Westufergebiet. Der Widerwille der dort ansässigen Palästinenser war schon seit ihrer Eroberung durch die transjordanische Beduinentruppe 1948 vorhanden; er wuchs mit den Jahren der Herrschaft Husseins an, die mehr und mehr als ein Okkupations-Regiment empfunden wurde. Nun ziehen viele, vor allem junge Palästinenser, eine Art der Selbstverwaltung unter israelischer Oberhoheit vor. Sie sehen darin ein Zwischenstadium bis zur Selbständigkeit.

Flammende Bekenntnisse, wie sie dieser Tage wieder auf dem Palästinensischen Nationalkongreß in Kairo gleich dutzendweise angeboten wurden, verschaffen ihnen weder mehr Rechte noch mehr Freiheiten. Auch Fatah-Drohungen, Hussein zu liquidieren, verschärfen nur ihre ohnehin prekäre Lage unter Israels Besatzung. Ein neuer Bürgerkrieg in Jordanien, diesmal dann wohl mit aktiver Unterstützung Syriens und des Iraks, oder gar ein geglückter Mordanschlag auf den König, riefen sogleich die israelische Armee auf den Kriegsplan. So kurios es klingt und so abgefeimt es sich in den Augen arabischer Radikaler ausnehmen mag: Hussein braucht Dayan, um überleben zu können. Er ist von der "Politik der offenen Brücken" des israelischen Verteidigungsministers abhängig, durch die der reibungslose innerjordanische Handel gewährleistet wird, wie auch im Notfall von der "Feuerwehrrolle" der Dayan-Armee.