Von Arnulf Baring

Adenauer ... war an einer Wiedervereinigung nicht interessiert, die Deutschland aus der engeren Verbindung zum Westen gelöst hätte. Er fürchtete für diesen Fall eine erneute außenpolitische Isolierung des Reiches, ein erneutes Aufflammen der zwischenstaatlichen Rivalitäten auch in Westeuropa und die Übermacht Rußlands, und er hat mit vollem Bewußtsein alles getan, eine derartige nationalstaatliche Lösung der deutschen Frage zu torpedieren. Dieser alte Mann, der das Scheitern der Außenpolitik des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des Dritten Reiches erlebt hatte, war kalt entschlossen, die deutsche Außenpolitik radikal umzuorientieren – selbst wenn dann die Ostzone für längere Zeit als Irredenta bestehenblieb.“

Nicht jeder wird den Autor der Abhandlung richtig erraten, aus der diese Sätze stammen. Nicht jeder würde vermuten, daß sie in einem von der Kommission für Zeitgeschichte bei der Katholischen Akademie in Bayern veröffentlichten Sammelband stehen, in dem vier jüngere deutsche Historiker und Politologen, die durchgängig dem ersten Kanzler der Bundesrepublik, seiner Politik und Partei zugetan sind – wenn auch nicht ohne Abstufungen, nicht ohne Vorbehalte –, in einer Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen Person und Konzeption Konrad Adenauers zu würdigen suchen. Man merkt, daß die Verfasser dieses verheißungsvollen Auftaktes, dieses Eröffnungsbandes der

„Adenauer-Studien I“; mit Beiträgen von Hans Maier, Rudolf Morsey, Eberhard Pikart und Hans-Peter Schwarz, hrsg. von Rudolf Morsey und Konrad Repgen; Matthias Grünewald, Mainz 1971; IX und 118 S., 19,80 DM,

alle auf ihren Gegenstand wohlwollend eingestimmt sind. Aber es wäre verfehlt, wenn man deshalb annehmen wollte, Verehrung hätte ihren Blick getrübt.

Wenn Rudolf Morsey gediegen den politischen Aufstieg Adenauers 1945 bis 1949 schildert, wenn Eberhard Pikart Adenauer und Heuss vergleicht und Hans-Peter Schwarz (von dem das Zitat am Anfang stammt) das außenpolitische Konzept Adenauers analysiert, wenn der gegenwärtige bayerische Kultusminister einen Lebensabriß beisteuert, dann finde ich, daß sie alle Adenauer dadurch nahe sind und ihn ehren, indem sie einige seiner charakteristischen Wesenszüge in ihren präzisen Aussagen erkennen lassen: den pedantischen Umgang mit Unterlagen (besonders bei Morsey und Schwarz), seine lakonische Kürze, zumal im Schriftlichen (auf den hundert Seiten dieser Schrift steht mehr als in ganzen Regalen der bisherigen Literatur), seine ernüchternde Menschenkenntnis (Pikarts einfühlsame und geistreiche zwölf Seiten gehören zu den besten Teilen des Bandes), seinen außenpolitischen Pessimismus (Schwarz).

Worin liegt der Ertrag dieser Veröffentlichung? Das kann man, gerade weil sie so gut ist, nicht in wenigen Worten sagen, nur andeuten. Morseys Beitrag scheint mir deshalb wichtig, weil er aus neuen Quellen schöpfen konnte, insbesondere aus den Sitzungsprotokollen der CDU/CSU-Fraktion im Parlamentarischen Rat. Sie korrigieren teilweise das überkommene Bild, Adenauer habe sich wenig um verfassungspolitische Fragen gekümmert; von ihm stamme, hatte Heuss gesagt, im Grundgesetz kein Komma. Jetzt zeigt sich, daß Adenauer in einer ganzen Reihe von Fragen präzise Vorstellungen hatte, mit denen er teils obsiegte, teils unterlag; wiederholt hat er seine Autorität geltend gemacht, um Kompromisse zwischen den Parteien zu ermöglichen und durchzusetzen. Umsichtig bereitete er seine künftige Karriere vor: die Ausschaltung der Ministerpräsidenten, die Wahl Bonns zur Bundeshauptstadt waren wesentlich sein Werk.