Die Schwäche am Rentenmarkt ließ die Aktienkäufer bisher unberührt. Zunächst scheint sie sogar die Aufwärtsbewegung der Aktienkurse noch zu befruchten, weil ein Teil der durch Verkäufe von festverzinslichen Papieren freigewordenen Gelder zum Aktienerwerb verwandt wird. Auf die Dauer kann es jedoch keine gegenläufige Kursbewegungen am Renten- und Aktienmarkt geben. Deshalb ist der Börsenberufshandel vorsichtig geworden. Er disponiert nur noch für kurze Zeiträume.

Aber noch aus einem anderen Grunde ist das deutsche Börsenpflaster heiß geworden: Die Engländer haben die deutschen Aktien „entdeckt“. Zum Teil kaufen sie die deutschen Papiere auf Kredit. Sie sehen also noch Kurschancen. Jedoch muß man sich klar darüber sein, daß die englischen Engagements nicht als Dauerbesitz gedacht sind. Eines Tages werden wir den größten Teil dieser Aktien wiedersehen. Das dürften dann trübe Börsenzeiten werden.

Vorläufig ist es aber noch nicht so weit. Noch lebt die Börse von den Aussichten auf wieder bessere Gewinne bei den Unternehmen. In dieser Hinsicht ist Siemens Favorit geblieben. Die europäischen Börsenanalytiker – von Siemens eingeladen – kehrten aus München mit der festen Meinung zurück: Die Siemens-Aktie ist mit 275 Mark alles andere als überbewertet. Die Franzosen halten sogar einen Anstieg auf weit über 300 Mark für wahrscheinlich. Millionenposten an Siemens-Aktien sind in den letzten Wochen in die Portefeuilles internationaler Anleger gewandert.

Eine Spitzenstellung neben Siemens nehmen die Mannesmann-Aktien ein. Mannesmann hat die Stahlflaute gut überstanden, nicht zuletzt dank des Röhrenauftrags der Sowjets. Ein neuer steht bevor. In Kreisen der Börsenanalytiker wird für 1972 eine Dividendenerhöhung für möglich gehalten, den Gewinn je Aktie für das laufende Jahr schätzt man auf 24 Mark. Das würde ein sehr günstiges Kurs-/Gewinn-Verhältnis geben. Auch Mannesmann-Aktien scheinen jenseits des Kanals Interessenten gefunden zu haben.

Wenig Freunde finden die Großbank-Aktien. Diese Branche sieht für 1972 rückläufigen Betriebsergebnissen entgegen, Aber nicht allein das mahnt hier zur Vorsicht. Wenn sich die Lage am Rentenmarkt nicht wieder ändert, könnte es zu höheren Abschreibungen auf die Effektendepots kommen, als sie 1971 notwendig waren.

K.W.