Von Dietrich Goldschmidt

Am 9. April ist Professor Saul B. Robinsohn, M. A., Ph. D., seit 1964 Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Präsident der „Comparative Education Society in Europe“, im Alter von 55 Jahren plötzlich einem Herzversagen erlegen. In den wenigen Jahren seiner Berliner Tätigkeit hat er es vermocht, der Erziehungswissenschaft in Westdeutschland und darüber hinaus drei bleibende Impulse zu geben:

Robinsohn entwarf eine umfassende, systematische „Realutopie“ moderner Lehrerbildung, die ihren Niederschlag – gerade auch durch seine Mitwirkung in der zuständigen Unterkommission – im Strukturplan des Deutschen Bildungsrats gefunden hat und in alle jüngsten Reformansätze hineinwirkt: Lehrerbildung ist wissenschaftliche Bildung. Als solche bildet sie prinzipiell inhaltlich und organisatorisch eine Einheit, die für alle Schulformen und -stufen gilt und in der die scharfe Trennung zwischen Theorie (Hochschule) und Praxis (Studienseminar) aufgehoben werden muß.

Robinsohn hat weiterhin wohl als erster in der deutschen Bildungsforschung den Begriff „Curriculum“ benutzt und die Entwicklung entsprechender Forschung stimuliert. Er geht davon aus, daß sich heute Bildung als „Ausstattung zum Verhalten in der Welt“ vollziehen muß und fordert, der Schule von einem solchen Verständnis her die je zeitgemäße Basis zu geben. Bildung und Erziehung können nicht nebeneinander stehen; sie bilden eine Einheit. Es sind empirische und hermeneutische Verfahren zu entwickeln, um diese Bildung inhaltlich in ihren individuellen und sozialen Bezügen zu bestimmen und auszumachen, wo kulturelles Erbe und wo pragmatische Bedürfnisse realer Existenz relevant sind. So forderte er „Bildungsreform als Revision des Curriculum“ (3. Auflage 1971) und hat damit ein weites Echo gefunden. In der Wiederaufnahme des verfremdenden Terminus beschwört er „die enge Verbindung der Bemühungen um Auswahl und Planung der Lehrinhalte, um Ausprägung der durch sie intendierten Bildungsziele und um die Erarbeitung der ihnen entsprechenden Lehrmethoden“.

Robinsohn hat schließlich auf dem im deutschen Sprachbereich leider wenig vertretenen Gebiet der Vergleichenden Erziehungswissenschaft bedeutende Versuche unternommen, die üblichen Beschreibungen, Trendanalysen oder naiv vergleichenden Darstellungen verschiedener Erziehungssysteme oder -teilbereiche hinter sich zu lassen, indem er den Vergleich jeweils zum interkulturellen Vergleich nach historischen, sozialen, ökonomischen und politischen Kategorien auszudehnen und so zu differenzierteren Verständnis der komplexen Bedingungsgefüge und etwaiger Übertragbarkeiten zu gelangen suchte. Im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ist unter seiner Leitung eine große Studie über sieben Länder „Schulreform im gesellschaftlichen Prozeß“ entstanden, deren beide erste Bände abgeschlossen sind. Den dritten, den eigentlichen Vergleichsband abzuschließen, bleibt Robinsohns Vermächtnis an seine Mitarbeiter.

Dies ist die Ernte eines arbeitsreichen und entsagungsvollen, doch zugleich welterfahrenen und engagierten Lebens, das in Berlin begann, dessen nächste Station jedoch ab 1933 Israel wurde. Auf Kindheit und Schulbesuch in Deutschland folgte das Studium in Jerusalem: Allgemeine Geschichte, Jüdische Geschichte, Sozialwissenschaften, Philosophie und Pädagogik. Später lehrte er – unterbrochen von längeren Studienaufenthalten in England und in den USA – an Gymnasien in Haifa und Jerusalem; auch war er an der Universität in Jerusalem und in Lehrplankommissionen des israelischen Erziehungsministeriums tätig. 1959 berief ihn die UNESCO zum Direktor ihres Instituts für Pädagogik nach Hamburg.

Mit dem Übergang an das Berliner Institut im Jahre 1964 und mit der Berufung zum Honorarprofessor für Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Freien Universität Berlin 1967 kam er allmählich zu dem Entschluß, auf Dauer in Deutschland zu bleiben. Doch dürfte es schwer sein zu bestimmen, ob er sich – außer im abgeschirmten Kreis seines Hauses – irgendwo besonders beheimatet sah: In Sprache, Denken und vielfältiger Bildung war er Deutschland, Israel und der angelsächsischen Welt in fast gleicher, wissenschaftlich ungewöhnlich fruchtbarer Weise verhaftet, doch bewahrte er zu allen drei Distanz. Er selbst zitiert eine Äußerung Martin Bubers aus dem Jahre 1933: „Biblischer Humanismus“ könne „nicht wie der abendländische über die Problematik des Augenblicks erheben; er soll zum Standhalten in ihr, zur Bewährung in ihr erziehen“. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß dieses Zitat für ihn mehr als nur wissenschaftliche Bedeutung hatte.