Von Helmut Schneider

Es war einmal, doch dies ist kein Märchen, ein schwärmerischer und versponnener Jüngling, der sich weigerte, erwachsen zu werden. Er träumte ein Leben lang die glanzvollen Träume seiner Kindheit immer wieder neu, verpuppt in die ritterliche Bilderbuchwelt von Sagenhelden und Sonnenkönigen – die Suche nach einer verlorenen Zeit verhinderte, daß er zum Mann heranreifte. Sein Unglück war, daß er in das falsche Jahrhundert hineingeboren wurde, eines, in dem das Dampfroß die Drachen besiegt hatte. Die Gegenwart hatte keinen Platz für ihn, folglich schuf er sich – die Mittel dazu besaß er, obschon er am Ende bankrott war – die ihm gemäße Vergangenheit. Auf seiner romantischen Stirn trug der Reisende ins Gestern das Kainsmal des Unzeitgemäßen, auf seinem Haupt eine Krone: Ludwig II., König der Bayern.

Die Faszination dieser Gestalt, einer ebenso grandiosen wie ungeheuerlichen Fehlgeburt des bürgerlichen Zeitalters, scheint ungebrochen lebendig. Um den geheimnisumwitterten Phantasten ranken sich Legenden: Vor allem sein mysteriöses und fatales Ende gibt ihnen ständig neue Nahrung. Der romanhafte Tod im Starnberger See – kapitaler Kriminalfall, Schlußphase einer politischen Intrige oder lediglich Verkettung unglücklicher Umstände? – beflügelt als schicksalhafter Kulminationspunkt eines dem Normalverstand unbegreifbaren Lebens die Phantasie der Zeitgenossen und der Nachgeborenen.

Das „Phänomen“ Ludwig: sein märchenhaftes, unwirkliches Herrschertum, seine zurückgezogene, exzentrische Lebensweise, seine mäzenatische Theaterbegeisterung und rastlose Bautätigkeit beflügelt Bewunderer des nächtlichen Königs auch heute noch. Sie verteidigen eine unantastbare Lichtfigur, der Mensch Ludwig existiert für sie nur in seinen Projektionen. Angebliche Beschmutzer des erhabenen Angedenkens haben mit sofortiger Kriegserklärung zu rechnen, besonders natürlich in Bayern: Zu verbreiten, daß der König homosexuelle Neigungen hatte, zahnärztlicher Konsultation hartnäckig abgeneigt war (sich die Folgen auszumalen, bleibe dem Leser überlassen) und wenig Menschenfreundlichkeit zeigte, mag zwar seine historische Richtigkeit besitzen, zeugt aber von image-schädigender Pietätlosigkeit. Kann sein, daß der selig Verflossene a bisserl überkandidelt war – „holder Wahnsinn“ eines Göttlichen.

„Unkönigliche“ Schattenseiten aufzuzeigen, hat nichts mit effekthascherischer Enthüllung zu tun, ganz abgesehen davon, daß längst (fast) alles Verborgene „enthüllt“ wurde. Im Gegenteil: Ludwig aus einem Wagnerischen Kulissen-Walhall in die Wirklichkeit seiner Zeit zurückzuholen, ihn in seiner ganzen Erbärmlichkeit (und Erbarmungswürdigkeit) vorzuzeigen, macht ihn erst menschlich – der Erste Hofschauspieler, der in geborgten Kostümen sein Leben als Vexierspiel inszeniert, ist ein Striese in hermelinbesetztem Mantel, der angsterfüllte, triebgepeinigte Doppelgänger ohne Identität, dem aus dem Spiegel die Grimasse des Wahnsinns entgegenblickt, verdient unser Mitleid.

Autoren früherer Generationen, die Charakterbild und Persönlichkeitsstruktur untersuchten, baten implizite das Opfer ihrer Neugier noch im Nachhinein um Entschuldigung dafür, daß es in wissenschaftlichem Interesse notwendig war, den Patienten in Unterhosen zu begutachten. Sie fühlten sich irgendwie geniert, auch der Leser hatte den unguten Eindruck, Voyeur zu sein.

Allmählich aber sind die Tabus gefallen und die altjüngferliche Betulichkeit. Man ist heute bereit, Ludwig „nackt“ zu akzeptieren – wie auch immer sein Psychogramm sich darstellt, wie auch immer seine Flucht aus einer subjektiven Zwangssituation zu interpretieren ist. Eingehenderes Verständnis wurde erst möglich, als mit seiner „Entzauberung“ auch das Korsett von Schutzbehauptungen an das Museum für Ludwigs-Reliquien überwiesen wurde.