In Ihrer Autobiographie heißt es an einer Stelle: „Und wenn man mich heute oder morgen einer letzten Abrechnung stellte? Ich werde es nicht tun. Ich möchte nicht die unvermeidlichen Folgerungen ziehen.“ An welche Art von Folgerungen denken Sie: an persönlich-menschliche oder an politisch-gesellschaftliche?

TIBOR DÉRY: Ich glaube, eher an politischgesellschaftliche Folgerungen. Ich wurde als politischer Schriftsteller hauptsächlich deshalb betrachtet, weil ich Kommunist war. Andererseits gibt es sicher auch eine Vielzahl menschlicher Folgerungen, denen ich mich heute nicht stellen würde. Sie haben das Buch gelesen und wissen daher, daß ich nicht nur eine scharfe Abrechnung mit der Welt, sondern in erster Linie mit mir selber gehalten habe. Von diesem Standpunkt betrachtet, halte ich mich zwar nicht für einen reuigen, wohl aber für einen armen Sünder. Gewiß bezieht sich der von Ihnen zitierte Satz, wenn er in seinem Zusammenhang gelesen wird, auch auf persönliche Motive, also darauf, daß ich nicht so gelebt habe, wie ich es heute nachträglich gern sehen würde. Trotzdem: Auch in politisch-gesellschaftlicher Hinsicht kann dieser Satz seine Geltung haben, obwohl ich mich mit aktiver Politik nur sehr wenig beschäftigt habe und nur zu Wendepunkten in der ungarischen Geschichte, etwa als ich Ende 1918 der Kommunistischen Partei beigetreten bin, dann im Jahre 1956 zur Zeit der sogenannten Gegenrevolution, die ich aber nicht als Gegenrevolution betrachte. So würde ich in meinem Fall das, was man das Politikum eines Schriftstellers nennt, eher als das Humanum bezeichnen; als das Humanum eines Schriftstellers, der die Welt nach moralischen Kategorien zu betrachten und zu wägen wünscht.

Sie schreiben: „Die Wahrheit zu sagen ist Luxus. Ich kann ihn mir leisten, ich bin alt...“ Doch Sie schränken auch ein, daß Sie sich den Luxus der Wahrheit nur „bis zu einem gewissen Grad“ leisten können. Wo liegt die Grenze, die Sie nicht überschreiten wollen oder nicht überschreiten dürfen?

DÉRY: Sehen Sie, ich betrachte mich als Bürger dieses Landes. Aus verschiedenen politischen Gründen bejahe ich heute das, was in diesem Land geschieht. Nun gehört zur Bejahung unserer heutigen Verhältnisse, daß ich nicht gegen ein Grundgesetz dieses Landes verstoße, das heißt: Ich bin prinzipiell kein Gegner des Sozialismus, wie er gegenwärtig in Ungarn aufgebaut wird. Das bedeutet freilich nicht, daß ich mit allem einverstanden bin, was bei uns politisch und gesellschaftlich geschieht.

Sie sagen aber: „Der Zukunft vertraue ich nicht, unsere Fahrtrichtung ist falsch.“ Ich meine, daß das für Ost und West gleichermaßen zutrifft. Trotzdem geben Sie einer sozialistischen Zukunftsgesellschaft eine Chance?

DÉRY: Das ist eine eminent politische Frage! Ich will ihr nicht ausweichen, aber ich fühle mich zu ihrer Beantwortung einfach inkompetent. Bedenken Sie bitte, daß ich kein Politiker bin, und wenn ich zu gewissen Zeiten meines Lebens einer war, so war ich immer ein schlechter Politiker. Um es so zu formulieren: Ich kann Ihnen auf diese Frage keine beruhigende Antwort geben.

Sie vertreten den Standpunkt, daß der Irrationalismus weder aus dem Leben des Individuums noch aus dem der Gesellschaft endgültig wird eliminiert werden können...