Von Rolf Diekhof

In der vorigen Woche machte der englische Ableger Wolfsburgs unangenehme Erfahrung mit japanischer Aggressivität. „Mit tiefstem Bedauern“, so Patrick Meaney, höchster VW-Repräsentant in England, „sehen wir drei Kollegen gehen.“ Die drei Kollegen stellten praktisch die Geschäftsführung der englischen VW-Vertriebsfirma – die Herren liefen geschlossen zur japanischen Konkurrenz Toyo-Kogyo-England (Automarke: Mazda) über. Die Japaner hatten den VW-Geschäftsführern neben mehr Gehalt auch noch eine Beteiligung am Unternehmen und am Profit angeboten.

Weniger spektakulär, dafür aber mit ungewohnter Gründlichkeit, etabliert sich jetzt ein weiterer japanischer Autokonzern in der Bundesrepublik. Nach der Kleinwagenfirma Honda (Jahresproduktion 1971: 400 000 Fahrzeuge), dem japanischen Branchenführer Toyota (Jahresproduktion 1971: 2,5 Millionen) wagt sich jetzt auch der Branchenzweite Nissan (Jahresproduktion: 2 Millionen) auf den deutschen Markt. Kein Zweifel: Die Japaner sind dabei, einen der letzten weißen Flecken auf den Generalstabskarten ihrer internationalen Autofeldzüge zu tilgen.

Toyota sicherte sich vor fast genau einem Jahr einen Stützpunkt in Köln (Deutsche Toyota GmbH). Inzwischen wurden „120 Vertragshändler mit Kundendienstwerkstätten“ (so eine Toyota-Mitteilung) angeworben. In diesem Jahr soll das Händlernetz auf 250 Partner erweitert und der Absatz um. nahezu 500 Prozent gesteigert werden. Toyota-Köln über die eigenen Pläne: „Japanischer Autogigant will 1972 auf dem deutschen Markt 5000 Pkw verkaufen.“

Toyota bevorzugte für den Start auf dem deutschen Markt das klassische Rezept japanischer Autostrategie: Bildung eines starken regionalen Brückenkopfes (Rheinland) und Verkauf von nur ein oder zwei Typen. Ein durchschlagender Erfolg war Toyota mit dieser Strategie nicht beschieden.

Die Kölner verweisen auf 1224 ausgelieferte „Corollas“ (untere Mittelklasse) und „Coronas“ (Mittelklasse) bis Ende 1971. Verkauft wurden davon wohl nicht mehr als 800 Exemplare, während der Rest als Vorführ- und Testwagen noch bei den Händlern steht. Jetzt soll das Geschäft mit „Carina“ (viertürige Limousine, 1,6 Liter, 79 PS) und dem dazugehörigen Coupé „Celica“ angekurbelt werden. Preis der Neulinge: 9350 und 10 480 Mark.

Nissans Europastrategen mit Sitz in Brüssel sind äußerst schweigsam – freiwillig keinerlei Publizität, Anfragen werden nur knapp beantwortet – und arbeiten im Stillen um so gründlicher. Den deutschen Markt wollen sie vom Start weg bundesweit bedienen – keine Brückenkopfstrategie und keine Versuchsballons. Nissan-Autos unter dem Markennamen Datsun werden so ab Juni überall in Deutschland auftauchen.