Wieder einmal – wie bisher immer, wenn deutsche Ärzte kritisiert wurden – ist das „Vertrauen der Patienten aufs Spiel gesetzt worden“, diesmal angeblich in ganz besonders verantwortungsloser Weise, nämlich durch die Spiegel-Serie „Das Geschäft mit der Krankheit“; jedenfalls sagen das all jene Ärzte und vor allem die Ärztefunktionäre, die sich durch diese „Propagandahetze“ verunglimpft und verleugnet fühlen. Nun ist zwar Vertrauen einer der von Medizinern am häufigsten bemühten und am meisten strapazierten Begriffe, dennoch muß man dem Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer, Professor Dr. Josef Stockhausen, in diesem Punkt recht geben: Bei einem (vom Deutschen Ärzteverlag in Wiesbaden initiierten) Gespräch mit Journalisten sagte er, ohne das Vertrauen der Patienten könne die Medizin nicht existieren.

Die Frage ist aber doch, ob das Vertrauen zum Arzt allein schon dann verloren geht, wenn der Patient im Spiegel liest, daß ein Praktiker es jährlich auf 200 000 Mark (und sogar mehr) bringen kann. Oder wenn er erfährt, daß in der Bundesrepublik die Sterblichkeit an Krebs sehr viel höher ist als in vielen anderen zivilisierten Ländern (was indessen auch daran liegen kann, daß die Patienten die gebotenen Möglichkeiten der Vorsorgeuntersuchungen nicht genügend ausnutzen). Oder wenn der Spiegel schreibt, daß viele Praktiker sich überlastet fühlen und daß die medizinische Versorgung in den meisten Krankenhäusern nicht optimal ist, weil es an Ärzten, Pflegern, Schwestern fehlt, meistens ja schon an Betten. Kurz; warum eigentlich sollte das Vertrauen des Patienten zum Arzt verloren gehen, wenn der Patient erfährt, daß – was für ihn doch ohnehin nicht neu sein kann – unser Gesundheitswesen keineswegs überall in Ordnung ist; daß es an vielen Stellen verbessert oder gar verändert werden müßte und auch verbessert werden könnte (wogegen sich allerdings einige, die gerade auf Grund dieser Mängel ein besonders gutes Geschäft machen, mit aller Macht sträuben)?

Nein, durch Kritik wird Vertrauen nicht aufs Spiel gesetzt. Auch andere Berufsstände lassen sich Kritik gefallen, Lehrer und Hochschullehrer, Architekten, Richter, Offiziere, jeder Schriftsteller wird kritisiert, jeder Künstler, jeder Politiker – und ja durchaus nicht immer sachlich und wohlwollend. Die Ärzte aber – das wenigstens muß man jetzt aus ihren hysterischen Gegenreaktionen schließen – wollen unantastbar bleiben; „Halbgötter in Weiß“, so scheint es, ist ihnen nicht genug – mindestens Dreiviertelgötter wollen sie sein, Herren über Leben, Tod und Honorare (dabei edel und hehr wie Claus Biederstaedt als Chirurg Killian im Fernsehfilm).

Wie sonst ist es zu erklären, daß ihre Funktionäre die (nicht nur vom Spiegel kommende) Kritik als „konzentriertes Feuer“ zurückweisen, das „auf die Ärzteschaft eröffnet worden ist“, als „Kesseltreiben“, „Rufmord“ der „Journaille“, als „totale Kriegserklärung mit dem Ziel, die Ärzte zu entmachten“? Weit entfernt davon, irgendwelche Mißstände auch nur zuzugeben, sehen sie nur für sich selber „Gefahr im Verzuge“, und der Vorstand der „Aktionsgemeinschaft der deutschen Ärzte“, einer vor zwölf Jahren gegründeten „Kampforganisation“, ruft die Ärzte zu einem „Kampf“ auf, in dem „alle Mittel zur Abwehr“ der „antiärztlichen Propagandahetze“ eingesetzt werden sollen. In dem Aufruf heißt es, die „angebliche Reformbedürftigkeit“ unseres Gesundheitswesens sei von „Propagandisten ‚linken Fortschritts‘ künstlich erzeugt“ worden und diesen „Aposteln eines marxistisch orientierten Gesundheitswesens“ gehe es nur um die Verwirklichung ihrer „revolutionären Ideologien“; da ist von „altbekannten Demagogenrezepten“ die Rede, von „manipulierten Tricks“, von „Diffamieren“, „Verleugnen“, „Verleumden“ und immer wieder von „Propagandahetze“.

Nein, nicht wer kritisiert, sondern wer, statt zu argumentieren, auf Kritik – mag sie auch hier und da überzogen sein – in solcher Form reagiert, die sprachlich auf höchst fatale Art an unbewältigte Vergangenheit erinnert, der verspielt Vertrauen, auch und gerade das Vertrauen der Patienten.

Gerhard Prause