Von Jürgen Werner

Ein Thema für die Jusos die Gesellschaft hat schuld – sagen die einen. Ein Fall für den Psychiater – er verdrängt seine Probleme, statt sie zu reflektieren – argumentieren die anderen. Exemplarisch für 90 Prozent seiner Berufskollegen in der Fußballbundesliga demonstriert der unaufhaltsame Sturz des ehemaligen elffachen Nationalspielers des Hamburger Sport-Vereins (HSV), Gert Dörfel, die Problematik eines Berufsstandes, dessen Vertreter im Alter von durchschnittlich 30 Jahren eine sportliche Vergangenheit bewältigen müssen, ohne eine Zukunft zu haben. 640 Spiele in 15 Jahren – für den Spieler Dörfel ein Kriterium für Vereinstreue und optimale Leistung – bezeichnen im heutigen Fußballgeschäft aber nur noch statistische Ergebnisse, deren Auswertung in den Bilanzen des Vereins erscheint. Im Falle Dörfel lautet das Ergebnis: völlig abgeschrieben.

Beurlaubt vom Präsidium des Vereins – „ein menschliches Problem, er wird nicht fertig mit dem Leben“ –, wegen seiner Differenzen mit dem Trainer – „nie hat er meine Leistungen gewürdigt“ – und einzelnen Mannschaftskamereden – „menschlich paßte nichts mehr zusammen“, hat er nun Angst, die der Spieler Dörfel nicht einmal beim Elfmeter hatte. Von Platz und Posten des Linksaußen verjagt, vermißt er die „Haßliebe des Volkes“, das ihn – so seine Aussage – und nicht Volkert, den für etwa 400 000 Mark aus der Schweiz remigrierten ehemaligen Nürnberger, sehen will. Das Leben, ein Traum?

Fehlendes Verständnis

Die Illusionen von sportlichem Ruhm und Glück werden jedoch zum Trauma, wenn sie – wie hier – nie auf ihren realen Wert hin untersucht worden sind. Das Vokabular aller Beteiligten – die oben erwähnten Zitate belegen das ebenso wie die Sätze Dörfeis und des Präsidenten Dr. Barrelett „vom Schicksal bedacht“ und „ein Fall menschlicher Tragik“ – zeugt immer noch vom fehlenden Selbstverständnis des Berufsfußballspielers und seiner Funktionäre.

Es handelt sich nämlich im extrem hoch honorierten Spitzensport der Fußballbundesliga nicht um eine griechische Tragödie, sondern um eine hart arbeitende und glänzend verdienende Behart und Interessengruppe innerhalb unserer Gesellschaft. Allerdings hat sie ihre ganz speziellen sozialen und menschlichen Probleme, die sich aus der befristeten Berufszeit – zehn Jahre –, der enormen körperlichen Belastung und der komprimierten Arbeitszeit von 90 Minuten ergeben, in denen wichtige Entscheidungen fallen. Die vergleichsweise zu anderen Berufen fallen. Abhängigkeit von Tagesform, Massenmedien und Gunst des Publikums schaffen zusätzliche Streßfaktoren. Die einzelnen Spieler, wie die Mannschaft sind Mitglieder einer Erfolgsgesellschaft und damit zum Erfolg verdammt. Denn Mißerfolg bedeutet bei ihnen gleichzeitig Existenzgefährdung und Verzweiflung.

Hier liegt das Problem. Die meisten Fußballspieler werden ihr Existenzminimum und etwas mehr erreichen – Erspartes und ein bescheidener Job, nicht mehr, tragen dazu bei –, wo ein Maximum an Aufwand und Selbstbestätigung die Regel war. Woher beziehen sie am Tage danach ihr Glückserlebnis, ihren Lebensinhalt, ihre tägliche „positive Verstärkung“, wie es die Psychologen nennen, die jeder Mensch benötigt? Der Realist Uwe Seeler „bevor dir noch mehr Strafen aufgebrummt werden, laß dich beurlauben, Charly“, der Materialist Müller (Bayern München) „ich hab’ mich gefreut, daß mein Präsident so um mich gekämpft hat“, haben es da leicht. Der eine erlebt sich zu Ehren eine Galaschau der Fußballwelt und ihrer Trittbrettfahrer, der andere erhält für drei Jahre etwa eine halbe Million Mark, rechnet man Handgelder, Prämien und Gehalt zusammen.