Chiles Präsident Salvador Allende – selbst unter schwerem innenpolitischen Druck wegen der chilenischen Wirtschaftsmisere – eröffnete am Donnerstag voriger Woche die dritte Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) in Santiago mit einer harten Attacke gegen die Industrieländer. Vor 3000 Delegierten aus 141 Staaten beschuldigte er die reichen Länder, sich ihren Wohlstand durch die Bodenschätze und die unterbezahlte Arbeit der armen Staaten subventionieren zu lassen. Lateinamerika habe zwischen 1950 und 1967 für jeden empfangenen Dollar vier zurückgezahlt.

Besonders heftig griff der Präsident den Zehnerklub an, der über die Köpfe der Dritten Welt hinweg die Währungsparitäten zum Schaden der Entwicklungsländer geordnet habe. Wie erwartet fand Allende Unterstützung bei der Volksrepublik China, während sich die Sowjetunion zurückhielt. Sie muß sich Kritik wegen ihrer geringen Entwicklungshilfe gefallen lassen und ist in der Dritten Welt in den Geruch eines „kapitalistischen Neokolonialismus“ geraten.

Als „unannehmbar“ bezeichnete auch Weltbankpräsident McNamara die bisherige Hilfe. Er verlangte weitere Anstrengungen von den Industriestaaten und setzte sich zugleich für eine gerechtere Einkommensverteilung in den Entwickungsländern ein.

Minister Schiller unterbreitete den Delegierten ein Bonner Angebot, den 25 ärmsten Staaten Kredite unter besonders günstigen Bedingungen zu gewähren: Verzinsung 0,75 Prozent; Rückzahlung innerhalb 50 Jahren; Zahlungsaufschub von zehn Jahren.

Die ersten Tage der Konferenz haben die düsteren Prognosen bestätigt: Die Industriestaaten erkennen zwar grundsätzlich die Notwendigkeit der Entwicklungshilfe an, sind aber nicht bereit, die Forderungen der Dritten Welt zu erfüllen. Ein neues Konzept auf der Basis eines Kompromisses ist nicht einmal in Umrissen erkennbar. Die Beratungen werden in sechs Kommissionen und drei Arbeitsgruppen fortgesetzt.