Von Hayo Matthiesen

Der bildungspolitische Graben zwischen der CDU/CSU einerseits und der SPD und FDP auf der anderen Seite ist breit und tief. Seit eineinhalb Jahren versuchen die Kontrahenten vergeblich, zu einem Konsens zu kommen. Der in dem kürzlich vorgelegten fünften „Zwischenbericht über einen Bildungsgesamtplan“ formulierte allgemeine Kompromiß wurde nur scheinbar erreicht.

Wie minimal Verständnis und gemeinsames Wollen sind, offenbarte die Bundestagsdebatte über diesen Zwischenbericht in der letzten Woche. CDU-MdB Herbert Hermesdorf warf der Koalition „ideologische Fixierung“ vor und konstatierte für ihre Bildungspolitik eine „schwere Krise“; der baden-württembergische CDU-Kultusminister Wilhelm Hahn stufte das Bildungsprogramm der Regierung als „Utopismus“ ein.

Die FDP billigt zwar grundsätzlich das Reformziel der SPD für die Schulen, die integrierte Gesamtschule (bei der die drei weiterführenden Schulen zu einer neuen Form verschmolzen sind); ihr geht es jedoch zu langsam voran. FDP-MdB Martin Grüner über den Zwischenbericht: „Die Richtung stimmt, aber die Füllung ist zu dürftig.“ Die Partei will sich nicht „auf den kleinsten Nenner“ einigen, „auf die zaghaften Schrittchen der CDU“.

Das Bestreben der FDP, die schulpolitische Gemeinsamkeit mit der SPD aufzugeben, wird auch von wahltaktischen Überlegungen bestimmt: 1973 möchten die Liberalen sich gerade auf diesem Gebiet profilieren. Im letzten Monat verabschiedete die FDP ihr neu formuliertes bildungspolitisches Programm mit dem Kernstück der „Offenen Schule“, die sich nur in Nuancen von der Gesamtschule unterscheidet. Hildegard Hamm-Brücher konzipierte bereits eine „Reform-Strategie für Gesamtschulen“, nach der etwa im Jahre 2000 das jetzige dreigliedrige durch ein Gesamtschulsystem abgelöst werden soll.

Für die SPD ist die Gesamtschule nicht nur eine pädagogische, sondern vor allem auch eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit. (Die Argumentation, daß Bildungsreform zugleich Gesellschaftsreform sei, findet auch bei der FDP immer mehr Anklang.) Was die Sozialdemokraten wollen, hat am klarsten einer ihrer progressivsten Politiker, der frühere Berliner Schulsenator Carl-Heinz Evers, formuliert: „Eine neue Schule für eine neue Gesellschaft... um mehr Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Glück für alle zu ermöglichen.“ Die SPD hat bereits 1969 ihr langfristiges „Modell für ein demokratisches Bildungswesen“ vorgelegt. Kernsatz: „Die SPD fordert die Errichtung von Gesamtschulen.“

So ähnlich die Schulmodelle von FDP und SPD sind, so total unterscheiden sie sich von dem Konzept der CDU/CSU. Die Christlichen Demokraten haben 1971 ein verschwommenes Schulprogramm präsentiert, aus dem ein Interpret nur sehr schwer den exakten Aufbau für die Schule von morgen herauslesen kann. Deutlicher sagt es Wilhelm Hahn in seinem soeben erschienenen Buch (im Seewald Verlag), was die Partei will: „Es gilt, die Schule von heute weiter zu verbessern.“ Die CDU/CSU hält an der traditionellen Dreigliedrigkeit fest. Frühestens 1976 will sie sich entscheiden, ob dieses System durch gesamtschulartige Formen ersetzt werden soll. Bislang ist die CDU nur bereit, das fünfte und sechste Schuljahr als „schulformabhängige“ (also nicht integrierte, sondern kooperierende) Stufe zu organisieren.