Von Werner Klose

Das junge Ehepaar wohnt wie viele junge Ehepaare in zwei Zimmern, die zum Hause der Eltern beziehungsweise Schwiegereltern gehören. Das Kind schreit; man ist gereizt, man lebt eng, behelfsmäßig und abhängig. So träumen die jungen Leute von der eigenen Wohnung; sie planen und rechnen, zeichnen und modellieren: Alt- oder Neubau, Reihenhaus oder Einzelhaus, zur Miete oder als Eigentum?

Das waren Spielfilmeinblendungen in einer Filmreihe „Arbeitslehre“, die der NDR Hamburg im Februar/März 1972 zunächst wenigen Versuchsklassen zur Diskussion stellte. Die Filme bezogen sich auf Teilaspekte eines neuen Schulfachs. Die vier norddeutschen Bundesländer Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein werden nach den Olympischen Spielen im Schuljahr 1972/73 mehrere hundert Klassen der 8. Jahrgangsstufe aller Schulformen mit diesen und anderen Themen der „Arbeitslehre“ bekannt machen. Die Filme des Schulfernsehens sollen „Leitmedium“ sein, und die Schüler erhalten zusätzlich Arbeitsbögen und Lehrhefte, um sich neue Lehrstoffe auch methodisch neu zu erarbeiten.

Sicher werden die Schulfernsehversuche die öffentliche Diskussion um die „Arbeitslehre“ allgemein vorantreiben, kann doch jeder, der ein Fernsehgerät besitzt, im Sendebereich von NDR und Radio Bremen über das III. Programm die Filmversuche und am Vorabend auch die Lehrerinformationen mitverfolgen.

Die Diskussion um die Arbeitslehre ist so alt wie die allgemeinere Diskussion um das Verhältnis von Bildung und Ausbildung, von Schule und Beruf. Solange sich die Schulen und ihre Lehrer einseitig am allgemeinen Bildungsideal orientierten und etwa im Sinne ihrer eigenen akademischen Studien mehr oder minder intensiv auf „reine“ Wissenschaft aus waren, arbeiteten Schule und Hochschule in einer pädagogischen Provinz außerhalb der übrigen Gesellschaft. Wenn ein Schüler das Gymnasium verlassen wollte oder mußte, schrieb sein Klassenlehrer unter, das Abgangszeugnis die Floskel: „Er verlißt die Schule, um einen Beruf zu ergreifen.“

Diese Formel wurde noch vor kurzem in vielen Lehrerzimmern als deutlich negativ empfunden: ein zusätzlicher Fußtritt für den schlechten Schüler, ein Ausdruck des Bedauerns für den guten Schüler, der sich vorzeitig einem „Brotberuf“ zuwenden mußte. Die traditionelle Abwertung der Berufs- und Arbeitswelt, von der Lehrer extrem wenig wissen, da sie volle sechzig Lebensjahre (eigene Schülerzeit und Lehrerzeit) nur in Schulen tätig sind, macht den Lehrer besonders ideologieanfällig in Einschätzung der sozialen Wirklichkeit. Einerseits war die Schule stets stolz darauf, mit den Niederungen des Berufsalltages nichts zu tun zu haben, andererseits blieb sie der ständigen Kritik an ihrer oft empörenden Weltfremdheit ausgesetzt. Deshalb wurden schon im 19. Jahrhundert Realschulen, Realgymnasien und Technische Hochschulen eingerichtet, und im Ausbau der berufsbildenden Schulen sollte die Berufseinführung direkt gefördert werden. Aber wie es schon an den Universitäten die Naturwissenschaften oder später gar die Wirtschaftswissenschaften schwer, hatten, sich gegen den elitären Wissenschaftsbegriff der Geisteswissenschaften zu behaupten, waren noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts alle mit „Realien“ befaßten Bildungsgänge abgewertet.

Das änderte sich in dem Maße, in dem die Gesellschaft selbst die Weltfremdheit der Schule als schädlich und hemmend empfand. Die Diskussion um die „Arbeitslehre“ ist dabei in den fünfziger Jahren sicher auch angeregt worden in der Auseinandersetzung mit dem konkurrierenden Schulsystem der DDR. Im Juli 1958 hatte Walter Ulbricht beim V. Parteitag der SED gefordert: „Die Kernfrage bei der Weiterentwicklung des Schulwesens ist die Einführung des polytechnischen Unterrichts und die Erziehung der Kinder für die Arbeit, und die arbeitenden Menschen.“ Die Forderung einer „polytechnischen Bildung“ war damals vielen Pädagogen schon verdächtig, weil sie von Ulbricht kam.