Aus einer Sendung von Radio Warschau:

200 Jahre offiziöse Ignoranz und Verachtung gegenüber Slawen und Polen, verstärkt durch antikommunistische Propaganda und Erziehung, sind tief im Bewußtsein der Deutschen in der Bundesrepublik verankert. Das deutsche Polenbild ist 200 Jahre alt...

Wenn wir an die Jahre der Polenfreundschaft zurückdenken, drängen sich zwei Bemerkungen auf: erstens blieb die Verbrüderung mit den Polen unlösbar mit dem Kampf um Demokratie und gegen den Absolutismus verbunden; und zweitens erklangen in vielen Aussagen und Schriften Töne, die Polen als ein Bollwerk gegen das Zarentum zum Schutze Deutschlands aufrichten wollten. Es ist bezeichnend, daß diese Argumentation heute wieder von Politikern, die vorgeben, eine Verständigung mit Polen anzustreben, in veränderter Form vorgebracht wird. Man versucht, die Polen mit der ehrenhaften Rolle eines Bollwerks gegen den Bolschewismus anzulocken. Natürlich soll Polen dafür doppelt zahlen – durch ein Verzicht auf sein sozialistisches Gesellschaftssystem und durch Verzicht auf seine Westgebiete. Solche wahnwitzigen Traumideen werden u. a. von Franz Josef Strauß in Umlauf gebracht.

Das falsche Polenbild besteht seit 200 Jahren, und es wurde nach 1945 weiterhin vervielfältigt. Wir haben nicht 200 Jahre Zeit, um es mühsam zu verdrängen. Es ist eine aktuelle wichtige Aufgabe, die angepackt werden muß. Die Wissenschaft, die Schule und die Massenmedien stehen hier vor einer der bedeutsamsten Aufgaben im Leben der Bundesrepublik. Wird sie nicht geleistet, wird es schwer kommen, eine wirkliche Normalisierung zustande zu bringen.

Verträge, deren nützliche Bedeutung nicht von einem Volksbewußtsein erfaßt wird, haben nur den Wert offizieller Dokumente. Der Warschauer Vertrag zwischen der BRD und Polen hat die offiziellen Grundlagen zu einer Normalisierung der Beziehungen geschaffen und so der öffentlichen Meinung das ihr zukommende Wirkungsfeld offengelegt. Es muß nun beschritten werden.