Am 2. Juni dieses Jahres wird die UniversitätUppsala, so hat sie durch den Germanisten Professor Lars Hermodsson verlauten lassen, Marcel Reich-Ranicki, seit 1960 Literaturkritiker dieser Zeitung und mit mir seit Jahren freundschaftlich verbunden, die Würde eines Ehrendoktors verleihen: in erster Linie wegen seiner Verdienste um die westdeutsche Literatur, zu deren Profilierung er entschieden beigetragen habe, und wegen des Engagements, mit dem er, anknüpfend an die Praktiken der radikalen Kritik in den zwanziger Jahren, eine aufklärerische Tradition neu belebt und der Rolle des Kunstrichters wieder Geltung und Respekt verschafft habe.

Die schwedische Ehrung gilt einem Anwalt der Vernunft und wahrhaft unbestechlichen Mann, der Kritik von einer Position aus übt, die zwischen Tradition und Produktion praxisnah zu vermitteln sucht. In der Laudatio ist von Scharfsinn und umfassender Kenntnis die Rede; der komparatistische Ansatz wird hervorgehoben, der zu einer heilsamen Relativierung nationalliterarischer Hervorbringung führe. Und dann folgt jener aufschlußreiche Satz, den sorgfältig zu lesen den Vertretern einer Wissenschaft gut täte, die sich immer noch rein antiquarisch versteht (Kritik als Feindin der Historie) und den Gegenwartsbezug ihrer Beschäftigung nach Möglichkeit auszuklammern sucht: „Das akademische Deutschland hat Reich-Ranicki unbegreiflicherweise keine Aufmerksamkeit geschenkt. Wiedergutmachung deutscher Unterlassungssünden kann nicht die Aufgabe der Universität Uppsala sein. Dennoch gibt es Gründe, diesen Mann zu ehren.“

Dies ins Ohr jener Fachvertreter hierzulande, die Reich-Ranicki zum Teil unter dem Vorwand, er sei ja leider weder Doktor noch habilitiert, bis heute das Ausüben einer akademischen Tätigkeit versagten. Nun ist Reich-Ranicki gewiß ein hochgebildeter Mann; aber während seine Generationsgenossen promovierten und sich habilitierten, war er im Warschauer Getto – gewiß eine vorzügliche Gelegenheit, sich akademisch zu qualifizieren.

Ein Ruf, eine Auszeichnung für einen Literaten, den es ehrt und auszeichnet (und dem es Feinde gemacht hat), daß er seit zwanzig Jahren Literatur nach ihrem Materialwert befragt – eine Auszeichnung für Marcel Reich-Ranicki zwischen Konstanz und Kiel? O nein, die Schweden mußten kommen, die Universität Uppsala mußte beweisen, daß jenes Bonmot auch heute noch gültig ist, das Bernard Shaw anno 1905 formulierte – nach der Verleihung der Ehrendoktorwürde, von Seiten der Universität Oxford, an den Schriftsteller Gerhart Hauptmann, einen in seinem Vaterland damals nicht eben renommierten Mann: „Deutschland ist ein großes Land, und wie alle großen Länder ist es auch bescheiden. Es überläßt gern die Ehrung seiner bedeutenden. Männer dem Ausland.“ Walter Jens