Von Josef Müller-Marein

Da das Schreiben eines unserer stets wiederkehrenden Gesprächsthemen war, frage ich mich, ob er, Kurt Marek, mir zustimmen würde. Es ist leichter – sage ich –, einen Nachruf auf jemanden zu schreiben, den man nicht so gut gekannt hat. Aber diese Pflicht kommt natürlich immer auf den zu, der unter den möglichen Nachrufschreibern am besten informiert ist. Es fällt mir schwer, Kurt, auf Dich den Nachruf zu schreiben, sehr schwer. Wir waren befreundet.

In den ersten Jahren nach dem Krieg, als wir in Hamburg so oft beisammensaßen, nächtelang, lautete einer unserer Lieblingssätze, daß "alles so schön kaputt" sei. Das "schön" bezog sich auf die Möglichkeiten, die sich aus dem Leben zwischen Trümmern ergaben.

Marek hatte fast sieben Jahre lang die Uniform getragen, doch war er durch sie nicht gezeichnet worden. Ein verkleideter Zivilist war dieser Fliegerleutnant gewesen; weiter nichts. Jetzt sprachen wir gern die Worte "frei" und "Freiheit" aus. Wir mußten dabei aufpassen, daß der Enthusiasmus und die Rührung uns nicht übermannten.

Warum ging Marek 1954, zwei Jahre, nachdem er geheiratet und ein hübsches Haus im Allgäu bezogen hatte (eins wollen wir hier festhalten: nie vorher, nie nachher haben wir eine so lustige Hochzeit miterlebt; alle Freunde versammelt, und vor den neuen breiten Fenstern tälerweit frischer, noch unbetappter Schnee) – warum also ging er denn nach Amerika? Er tat es unter anderem, weil er um seine liebe Freiheit bangte; das war sogar der Hauptgrund; er hielt es nämlich nicht für unmöglich, daß neue Unterdrückung heraufzöge. Aber warum sind dann die Mareks, diesmal mit einem dreizehnjährigen Sohn, 1971 nach Deutschland zurückgekehrt, "erst einmal provisorisch", immerhin aber in ein neues Haus zu Reinbek bei Hamburg? Aus dem gleichen Grunde! Und das Wort Freiheit war nicht mehr dazu da, herausgerufen, herausgejubelt zu werden. Jetzt wurde es leise ausgesprochen, wie etwas Privates, das Dich und mich betrifft. Ja, neulich, als wir in Paris zusammensaßen, sagte Marek: "Das hätten wir wohl auch nicht geglaubt, daß das Bedürfnis nach Freiheit eine Generationsfrage würde – was?" Und wir nannten das "komisch".

In Hamburg, in den Nachkriegsjahren, blieb es ja nicht aus, daß wir einander gründlich kennenlernten. Knapp über dreißig war er und sah doch unverschämt jung aus. "Kommt hinzu", sagte er, "daß bei diesem Fraß meine im Krieg so glatte Haut wieder in die Pubertätsjahre zurückgekehrt ist." Und weil er Berliner war, Geburtsjahr 1915 und Sohn eines tüchtigen Handwerkers, genoß er die Rede eines Zeitungshändlers en gros, der früher Zeitungsradler bei Ullstein gewesen war und uns eine Flasche Schnaps ohne Etikette überreichte: "Den könn’se ruhich neehm; da wachsen Ihn’ keene Pilze uff de Pupille!"

Die Jugend in Berlin hatte Marek sehr geprägt, obwohl er nicht derb, wie dieser edle Spender, sondern auf eine sehr feine Art berlinerte, westberlinerte – sozusagen. Groß, stark, wie er war, und mit seinen sportlich gelösten Bewegungen, hätte er gewiß leicht Zutritt zur neuen Elite haben können, deren Herrschaft 1933 begonnen hatte. Warum aber hat das nicht passieren können? Weil er ein Leser war. Er las die Bücher, die vom Scheiterhaufen angesengt waren, also die besseren. Und von weitem bewunderte er die aufrechte Gestalt des Verlegers Ernst Rowohlt, natürlich nur von weitem.