Von Karl-Heinz Wocker

Wenn Sie zum statistischen Durchschnitt der Besucher der britischen Inseln gehören, kommen Sie nur bis London, erreichen abends Ihr Hotelbett, schlafen in schlechter Großstadtluft bis morgens um neun Uhr und stürzen sich um zehn in die noch konzentriert schlechtere Luft um den Piccadilly Circus. Zu dieser Zeit könnten Sie Ihren Kaffee in Frieden und Sauerstoff schlürfen, wären Sie nur statt ins Hotelbett in den Schlafwagen Richtung Westen gestiegen (der obendrein um ein erhebliches Stück Sterling billiger sein kann als eine Übernachtung in London).

Er verläßt den Bahnhof Paddington um 0.55 Uhr. Der Soho-Bummel geht Ihnen also nicht verloren. Sie können aber gleich nach Ausschankschluß in die kühlen Linnen kriechen, denn das Zusteigen ist ab 22.30 Uhr möglich. Um acht am anderen Morgen sind Sie in Penzance, im äußersten Zipfel von Cornwall. Eine pummelige Bahnsteigkatze vermittelt das Gefühl der Sicherheit vor den Nachfahren jener Operetten-Piraten, die den Ort berühmt gemacht haben. Sie steht meist neben dem Kartenkontrolleur, als sei sie für mitgeführte Dackel oder Meerschweinchen zuständig (die Sie jedoch nicht dabei haben wegen der sechsmonatigen Quarantäne für alle Tiere, die in England landen).

Fünf Minuten Omnibusfahrt verbinden mit dem Heliport von Penzance, das ist der Hubschrauberflugplatz. Um neun Uhr schweben Sie schon über dem Wasser und landen 20 Minuten später weit draußen im Atlantik. Der Pilot zeigt unterwegs die Stelle, wo die „Torrey Canyon“ mit ihrem einfach abenteuerlich seekartenunkundigen Skipper auf die „Seven Stones“ rannte, eine Untiefe, die hier seit Jahrhunderten jedem christlichen Fahrensmann geläufig ist. Sie landen auf St. Mary’s, der größten der Scilly-Inseln, die aus Hunderten von Erhebungen bestehen, von denen fünf bewohnt sind. St. Mary’s hat richtige Geschäfte, Bankfilialen, Pflasterstraßen mit Autos und einen Bungalow, in dem Harold Wilson Urlaub macht (während Edward Heath unweit vorübersegelt, wenn er Pokalsiegen nachjagt). Alles das gibt es nicht auf der Nachbarinsel Tresco, zu der ein Motorboot des Hotels Sie in weiteren 15 Minuten bringt. Sie haben nun alle gängigen Verkehrsmittel benutzt, wenn der Manager Ihrer Herberge Sie am Kai abholt. Wenn wegen der Flut die Begrüßung an der hotelabgewandten Seite der Insel stattfindet, legen Sie den letzten Rest mit einem tuckernden Trecker zurück, der eigentlich nur für das Gepäck da ist. Autos sind auf Tresco nicht erlaubt. Sie beginnen zu ahnen, daß Ihnen Paradiesisches bevorsteht.

Hier leben knapp 200 Menschen auf etwa 20 Quadratkilometern. Die Fauna besteht aus Kühen, Pferden, Eseln, Schwänen, Enten, Kormoranen und allerlei Möwenarten, gewöhnlichen mit weißen und solchen mit schwarzen Flügeln, offenbar das Establishment bildend. Dies jedenfalls sind die zumeist sichtbaren Tiere (mit einem gemieteten Boot können auf einigen unbewohnten Felsen auch Seehunde beobachtet werden). Auf Ihren Spaziergängen verraten Ihnen jedoch bald Myriaden von winzigen Exkrementkugeln, daß es noch eine Unterwelt gibt, die Sie nur rastend und wartend zu sehen bekommen. Tresco ist ein Dorado für Kaninchen. Sie sind die Plage der Narzissenzüchter. Denn die Scilly-Inseln leuchten in Winter und Frühling im Gelb all der Blüten, die dann auf dem Londoner Covent-Garden-Markt der Konkurrenz von den Kanalinseln den Rang streitig machen. Sie kommen nicht etwa aus dem Gewächshaus oder von den Küsten des Mittelmeeres. Sie wachsen hier in Westengland im milden Klima des Golfstroms, ebenso wie die Palmen, die vor Ihrem Hotelfenster stehen und stark zu einem Eindruck von Unwirklichkeit beitragen.

Die Insel bietet Kontraste. Ihr Nordteil ist eine von Heidekraut bewachsene unwirtliche Höhe mit einem Fort aus den Zeiten, da König Charles I. hier noch holländische Kriegsschiffe abzuwimmeln suchte. An stürmischen Tagen beobachten Sie den Atlantik in seiner nackten Gewalt. Aber Sie können ihm den Rücken kehren und die Südseite der Insel erwandern. Durch ein Waldstück, zu dessen Linken ein schilfbesetzter Binnensee liegt, dessen Schwäne eher das andere Ende Europas, die Welt von Jan Sibelius, suggerieren, erreichen Sie die Abtei von Tresco und den subtropischen Garten. Er ist nördlich der Alpen einzigartig, jedenfalls unter freiem Himmel. Palmen, Agaven, Kakteen, ja Bananen und Zitronen sind sicher nicht die Gewächse, die man mit England verbindet. Seit über hundert Jahren wurden sie hier von den Bewohnern der Abtei (eines viktorianischen Schlosses an Stelle der mittelalterlichen Klause) mit Hilfe vorüberfahrender Überseehändler zusammengetragen. Um 1830 soll auf der ganzen Insel noch nicht ein einziger Baum gestanden haben, jetzt wölben sich Dome aus Rhododendron.

Der Garten bestärkt das Gefühl, in der Nähe der römischen Hügel zu sein, durch seine Anlage, deren zentrale Achse, mehrfach durch Alleen unterbrochen, leicht aufwärts führt und am Ende einer Treppenflucht auf eine mächtige Büste des Neptun zuläuft. Hier kulminiert der Garten Eden, in dem man sich zu befinden glaubt. Die Amseln fressen aus der Hand, sofern sie nicht gerade – im Februar wie im Juni – damit beschäftigt sind, fette Bienen zu fassen, eine läßliche Sünde, da die Genesis uns ohnehin nicht verraten hat, wann der erste Vogel das erste Insekt verschlang. In dieser Wunderwelt gerät man leicht in die Gefahr, des Seemanns- oder vielmehr des Botanikerlateins bezichtigt zu werden, wenn man etwa von der Erika.-Art schwärmt, die hier gedeiht. Das ist nicht das „kleine Blümelein“, das bei uns zulande gleich hinter der Autobahnausfahrt Westenholz-Hodenhagen-Ostenholz blüht. Hier steht die Erika dreifach mannshoch, ein aus Neuseeland hergeholtes Staunensobjekt. Daneben ragt aus einer Agave ferox (Mexiko) ein blauvioletter phallischer Schaft, der leider jeden Dick und jede Harriet verleitet, Vornamen in die meterlangen Blätter zu ritzen. Zugegeben: das Ding reizt dazu, Wandalismus und Wunschzauber zu kombinieren.