Von Heinz Josef Herbort

Forsche Bullen schubsen eine sechzehnjährige Bandenchefin – langes strähniges Haar, offenherzige schwarze Glanzseidenbluse – im Polizeigriff in die Grüne Minna. Ein griesgrämiger und eifersüchtig auf die Einhaltung der Kompetenzen bedachter Kommissar, der es immer besser weiß, stellt entsetzt-resigniert fest: „Sie haben recht gehabt: ein Mädchen; speiübel kann einem da werden.“ Die schöne junge Kriminalpolizistin hingegen, im schicken dunkelblauen Trenchcoat, gerade vom Friseur gekommen, philosophiert mit viel Bedeutung in der Stimme: „Aber wer ist dafür verantwortlich? Ich glaube, jede Gesellschaft hat die Schwierigkeiten mit ihren Jugendlichen, die sie verdient.“

Mit dieser in ihrer Klischeeträchtigkeit typischen Einstellung schließt „Der Fall Gudrun Hampe“, eine von dreizehn Folgen der Serie „Berlin, Keithstraße 30“; die Serie lief im ersten Vierteljahr 1972 in fast allen regionalen Vorabendprogrammen des Deutschen Fernsehens; produziert wurde sie im Auftrag des Fernsehens; schen Werbefernsehens (WWF).

Das Programm solle „unterhaltend“ und „informierend“ sein, sagt Lisa Scheu, für die Serie verantwortliche Redakteurin des WWF; zur Unterhaltung zählt sie „alle Elemente, die zu einer Entspannung eines Menschen beitragen, die schöne Dinge zeigen, ihn ablenken“. Trägt die Darstellung von Jugendkriminalität zur Entspannung eines Menschen bei? Zeigt sie schöne Dinge? Wovon lenkt sie ab?

„Berlin, Keithstraße 30“ ist eine der zahlreichen Serien, mit denen das Erste und das Zweite bundesdeutsche Fernsehprogramm in der Zeit zwischen 18 und 20 Uhr ihre Einschaltquoten hochzutreiben und zu halten versuchen. Denn um diese Zeit bedeuten die Quoten Geld: Zwischen 18 und 20 Uhr verdienen sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten einen maßgeblichen Teil ihres Etats durch Werbung. Besser: sie lassen verdienen.

Anders nämlich als das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), dem durch einen Staatsvertrag bei der Gründung 1961 ermöglicht wurde, sich außer durch Gebühren auch durch „Einnahmen aus Werbesendungen“ zu finanzieren und dessen Werbefernsehen daher der Hauptabteilung „Allgemeine Verwaltung“ untersteht, während das Rahmenprogramm unter „Fernsehspiel und Film“ fällt, anders also als das ZDF dürfen die in der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Rundfunkanstalten (ARD) zusammengefaßten Sender des Ersten Programms gemäß ihren Rundfunkgesetzen selber keine Gewinne erwirtschaften. Daher erfanden kluge Köpfe bei der Einführung des Werbefunks und -fernsehens in Deutschland das System der „Werbetöchter“: Für jede ARD-Anstalt wurde eine Tochtergesellschaft im Status einer GmbH gegründet, deren alleinige Gesellschafter die jeweiligen ARD-Anstalten sind vertreten durch ihre Intendanten, im Aufsichtsrat der GmbH sitzen Mitglieder des Verwaltungsrats der ARD-Anstalt.