Von Herbert Rosendorfer

Kugelstoßen ist ein feiner Sport. Kugelstoßen ist nicht nur ein Sport, Kugelstoßen ist olympische Disziplin. Man kann, wenn man die Kugel richtig stößt (oder: wenn die andern die Kugel nicht ganz so richtig stoßen), eine Bronzemedaille, eine Silbermedaille oder sogar eine Goldmedaille gewinnen. Der Kugelstoßer (-Stößer?), zunächst nur eine Art Kraftwarze, die die Kugel umschließt, entwickelt sich – langsam zunächst, wie eine startende Mondrakete, dann schnell und schneller und immer schneller – mit ausgeklügeltem Beinspiel, dessen gedachte Linien einem Schnittmuster für einen komplizierten Faltenrock ähneln –, entwickelt sich zur Kraftwurst, aus der dann ein Kraftarm herausschießt, der die Kugel, zwar nicht (wie bei den ganzen rituellen und dynamischen Vorbereitungen zu erwarten) auf eine astrale Mondlaufbahn, aber immerhin gut zehn und ein paar Meter weit auf den im Glücksfall leicht nachdröhnenden Sportplatz schleudert.

Gerd Kühne aus Schilpe an der Kuhle – Schilpe an der Kuhle ist ein aufstrebender Industrieort in Niedersachsen, dessen Amtsgericht vor wenigen Jahren verlegt, dessen Polizeiposten wegzentralisiert, dessen Postamt aufgelassen und dessen Bahnhof stillgelegt wurde –, Gerd Kühne, zweiundzwanzig Jahre alt, Mittlere Reife und von nicht ganz solchem Verstande, übte seit seinem vierzehnten Lebensjahr den beschriebenen feinen Sport des Kugelstoßens aus. Durch Geschick und über die Stationen einzelner Jugend-, Stadt-, Landes- und ähnlicher Meisterschaften brachte er es bis dahin, daß er von seinem 18. Lebensjahr an wöchentlich ein Kalbsschnitzel von der „Sporthilfe“, eine Kugel monatlich zum Stoßen (der Verschleiß ist nicht unerheblich; es verlieren sich oft Kugeln in Morästen und Brennesseln) und ein Kästchen vom örtlichen Schreinermeister bekam. In dem Kästchen konnte Gerd Kühne seine Trophäen verwahren.

Nachdem so viel in die Muskelkraft des Gerd Kühne aus Schilpe investiert worden war, wurde er in die Olympia-Nationalmannschaft berufen. Er bekam von da an zwei Schnitzel wöchentlich, zwei Kugeln monatlich, ein weiteres Kästchen vom Schreinermeister und einen Händedruck vom Bürgermeister, als der Athlet zu den Olympischen Spielen abreiste.

Der Athlet Gerd Kühne wurde in der örtlichen Presse unter anderem als „Zier unserer Stadt“, „Schilpescher Jungstier“, „Vorbild“, „Jugend der Welt“, „Kugelstoßwunder aus dem Kuhlener Land“ und als „unser Gerd“ bezeichnet.

Gerd Kühne belegte bei den Olympischen Spielen den 172. Platz. Bei den Fernsehübertragungen – die alle: Schilpener natürlich mit Eifer verfolgten – wurden beim Kugelstoßen zusammenfassend die ersten acht Kugelstoßer gezeigt. Zwar sahen alle acht dem Gerd Kühne sehr ähnlich, alle acht zelebrierten ein zum Verwechseln ähnliches Bein-Schnittmuster-Ritual, alle acht stießen die Kugel ungefähr genauso weit wie Gerd Kühne; aber Gerd Kühne war eben keiner dieser acht. Er war auf dem Bildschirm überhaupt nicht zu sehen. Das heißt: überhaupt nicht, das ist nicht wahr. Einige aufmerksame Schilpener bemerkten die Zier ihrer Stadt beim Einmarsch der Jugend der Welt in der drittletzten Reihe.

Als Gerd Kühne nach den Olympischen Spielen mit dem Omnibus nach Hause fuhr, regnete es. Das war an sich wohl keine Bösartigkeit, denn in Schilpe regnete es fast immer. Gerd Kühne, der in dem wackeligen Postbus saß, der die Eisenbahn ersetzte, taten der Bürgermeister und die ganzen Leute leid, die auf ihn warteten. Aber es war gar kein Bürgermeister da, als Gerd Kühne in Schilpe ausstieg. Es waren auch keine Leute da.