Immer mehr Inhaber halbstaatlicher Betriebe in der DDR entschließen sich mehr oder weniger freiwillig, ihre Betriebsanteile dem Staat zu übertragen. „Das ist gewiß leichter gesagt als getan“, berichtete Otto Schüngel, Miteigentümer eines kleinen Chemiebetriebes im Bezirk Karl-Marx-Stadt, in der Zeitung der DDR-CDU „Neue Zeit“. „Aber wer mit seinem Betrieb verwachsen ist, wem dieser Betrieb ein Stück seines Lebens geworden ist, und wer auch als Christ in die Verantwortung gerufen ist für das, was ihm anvertraut wurde, der findet auch innerlich den Weg zur richtigen Entscheidung“, erklärte Schüngel.

Den Weg zur richtigen Entscheidung hat freilich die SED vorgeschrieben, obwohl die Partei jetzt so tut, als habe sie mit der ganzen Aktion nichts zu tun. So finden sich Berichte über die Verstaatlichung von Betrieben in keiner einzigen SED-Zeitung, sondern nur in den Blättern der anderen DDR-Parteien. Aber die ideologischen Motive der SED sind unverkennbar.

Schon im November vergangenen Jahres schrieb der Chefideologe der Partei, Kurt Hager, die Entscheidung darüber, wer zur Arbeiterklasse gehöre, hänge nicht von einer manuellen Tätigkeit ab, sondern werde vor allem durch die Verbindung der Werktätigen mit der materiellen Produktion und der Stellung „der Klasse oder Schicht in der sozialistischen Produktion und dem darauf beruhenden Niveau der Vergesellschaftung und Organisation“ bestimmt.

Mit anderen Worten: Der Beschäftigte eines Betriebes, der noch ganz oder teilweise in privatem Besitz ist, könnte sich eigentlich nicht als vollwertiges Mitglied der Arbeiterklasse fühlen. Die nichtsozialistischen Betriebe wären damit ein Hemmnis für die Bewußtseinsbildung der Arbeiter.

Die Konsequenz aus dieser Theorie wurde dann Mitte Februar auf dem Parteitag der Liberal-Demokratischen Partei (LDPD) deutlich. SED-Chef Erich Honecker befürwortete in einem Grußschreiben, daß bei den Betrieben mit staatlicher Beteiligung und im Handwerk „die Produktionsverhältnisse zielstrebig weiterentwickelt“ werden. Und der LDPD-Vorsitzende Manfred Gerlach sprach sich dafür aus, die Produktionsverhältnisse „immer besser mit den gesamtgesellschaftlichen Erfordernissen in Übereinstimmung“ zu bringen. Sogleich bekannten sich einige Mitinhaber halbstaatlicher Betriebe, die in Form einer Kommanditgesellschaft organisiert sind, ihren Komplementäranteil dem Staat zum Kauf anzubieten und das Unternehmen, das ihnen bis in die fünfziger Jahre gehört hatte, nun endgültig in einen volkseigenen Betrieb umzuwandeln.

Seither häufen sich die Berichte über Verstaatlichungen von bisher halbstaatlichen oder privaten Industrie- und Handwerksbetrieben. Auf der Leipziger Messe im März zum Beispiel führte LDPD-Chef Gerlach „ein langes und herzliches Gespräch am Stand des VEB Dameniedertaschen Apolda mit unseren Parteifreunden Erich und Gertrud Kellner, auf deren Wunsch der ehemals staatsbeteiligte Betrieb ab 1. März in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt wurde“. Das Ehepaar Kellner ist jetzt als Betriebsleiter tätig.

Auch Werner Zeuke, der als erster auf dem LDPD-Parteitag seinen Betriebsanteil öffentlich zum Verkauf angeboten hatte, fand inzwischen im Staat einen Käufer. Er sei sich bewußt gewesen, „daß die staatliche Beteiligung nur eine Übergangsform in der gesellschaftlichen Entwicklung sein konnte“. Seine auch im Westen bekannte Modelleisenbahn-Fabrik firmiert jetzt „VEB Berliner TT-Bahnen“. Zeuke erhielt eine Berufungsurkunde zum Werkdirektor.