Der Kunstmarktbeobachter Willi Bongard stuft sie in seinem „Kunstkompaß“ als wichtigste Ausstellung überhaupt ein, Hans Jürgen Müller, Galerist, mißt ihr keine große Bedeutung mehr zu, und Eberhard Fiebig, Künstler, bezeichnet sie kurzerhand als den „üblichen Auftrieb kommerzieller Interessen nach konventionellem Rezept“: Gemeint ist die „Documenta 5“, die am 30. Juni in Kassel eröffnet wird.

Die Documenta 5 sollte ein Thema haben: „Befragung der Realität“ – lautete das Motto. Die Position der Kunst im gesellschaftlichen Zusammenhang zu untersuchen, war ursprünglich anvisiert. Inzwischen hat sich allerlei geändert, und Harald Szeemann, Generalsekretär des Unternehmens und alleinverantwortlich für sein Gelingen, kündigte unlängst in einem Interview die Rückkehr „der Kunst zu sich selbst“ an. Was Wunder, daß der Sozialist Fiebig argwöhnt, die Documenta trage – indem sie Kunst außerhalb seiner gesellschaftlichen Bedingungen präsentiere – lediglich dazu bei, die Profitinteressen des Handels zu unterstützen.

Doch Szeemann tilgte wohl nur die idealistischen Komponenten aus dem einstigen Ausstellungskonzept, behielt aber die generelle Struktur bei. Darüber hinaus verstärkte er den kunsttheoretischen Anteil im Aufgebot, der sich in einer allmählich spürbarer werdenden Hinwendung der Kunst zur theoretischen Reflexion manifestiert, und überdies entschied er sich, in erster Linie solche Künstler vorzustellen, die bislang bei keiner Documenta vertreten waren. Etliche von ihnen haben noch niemals in Deutschland ihre Arbeiten gezeigt.

Darum lassen sich Prognosen über die kommerzielle Zukunft der ausgewählten Künstler nur schwer stellen. War die Documenta in früheren Jahren, zumindest kurzfristig, für viele Künstler ein Wechsel auf kommerziellen Erfolg, begibt sie sich diesmal auf Entdeckungsreise. Die Reaktion des Handels auf Szeemanns Konzept verrät Unsicherheit. Ein Symptom dafür ist Hans Jürgen Müllers Bekundung, die Documenta verliere ihren Einfluß.

Gleichwohl ist nicht zu bestreiten, daß auch die Documenta 5 für geschäftliche Impulse sorgen wird. Selbst wenn Richtungen wie der amerikanische Hyperrealismus unter eher kritischen Aspekten vorgeführt wird. Gerade im Falle des Hyperrealismus, der sich momentan bei privaten Sammlern ebenso wie bei einigen „progressiven“ Museumsleuten Beliebtheit erfreut, wird die vertrackte Situation einer Veranstaltung vom Rang und Renommee der Documenta deutlich. Denn gleichzeitig, wie differenziert und distanziert eine derartige Rückbewegung demonstriert wird – die Tatsache allein, daß sie Beachtung findet, verschafft ihr eine kommerzielle Aufwertung.

Komplizierter wird’s da schon bei Strömungen wie Process Art und den theoretisierenden Äußerungen der Conceptual Art. Zwar werden auch sie mit steigender Tendenz kommerziell verwertet, doch ihr Kunstwert bleibt vorläufig noch umstritten. Sowohl die Wahl der Materialien in der Process Art als auch die Medienvielfalt in der Conceptual Art unterminieren herkömmliche Vorstellungen von Kunst und provozieren bei den Sammlern Zurückhaltung. Kommt noch hinzu, daß die Arbeiten der englischen Art-Language-Gruppe, Daniel Burèns, Joseph Kosuths und Robert Smithsons nur als Theorien zur Kunst zu begreifen sind. Immerhin haben Process- und Conceptual-Künstler dem Medium Zeichnung zu neuem Ansehen verholfen, Zeichnung nicht als Genieskizze, sondern als präziser Entwurf, so daß einer Vermarktung der sonst spröden Werke von Darboven, Dibbets, Huebler, Nauman, Prini, Serra und Sonnier nichts im Wege stehen dürfte.

Daß dessen ungeachtet der Vorwurf, die Documenta diene lediglich der „Bereicherung der Händler“ (Fiebig) von einer erschreckenden Unkenntnis jener künstlerischen Vorstellungen zeugt, die in Kassel vorgestellt werden, beweist das Beispiel Richard Tuttles. Abgestoßen von der hemmungslosen Kommerzialisierung seiner früheren Arbeiten, fertigt Tuttle seine jüngsten Werke ausschließlich am Ort ihrer Präsentation an. Es sind dreidimensionale „Zeichnungen“ aus Draht, die unmittelbar an der Wand angebracht werden. Nimmt man sie herunter, sind sie ruiniert. Mithin verlieren Tuttles Arbeiten, was Kunst als Ware attraktiv macht: den Wiederverkaufswert.

Klaus Honnef