Volker Schlöndorff macht Anstalten, seine kulturbeflissenen Interpreten zu düpieren. Nach Musil („Der junge Törless“), dem neuen Lebensgefühl der Zwanzigjährigen („Mord und Totschlag“), Kleist („Michael Kohlhaas“), Brecht („Baal“) und einer alten Bauernchronik („Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Rombach“) schlägt er irgendeine Illustrierte oder ein Soraya-Blatt auf und verfilmt Minouche, genauer: die Essenz aller trivialen Millionärs-, Minoudie- und Mord-Skandale dieser Art. Die Reaktionen darauf sind wie ein Kommentar zur deutschen Filmsituation: Die kommerzielle Branche begrüßt den verlorenen Sohn des „Kunstfilms“, und die kritische Fachwelt wendet sich: kopfschüttelnd ab.

Frau Direktor hat einen Geliebten, der zwei Mörder anheuert oder sich dazu überreden läßt, die aber, um mehr Geld rauszuholen, erzählen alles dem Herrn Direktor, der sie aber rausschmeißt und auf den dann doch jemand schießt, aber nicht richtig trifft, woraufhin am Ende alles wieder

Kolportage genießt sich hier sichtlich selbst. Es hagelt Klischees, wie in den Gerichtssälen von Mailand, Rom oder Düsseldorf: Frau Direktor Halbfass erklärt, der Reichtum bedeute ihr gar nichts, schlägt aber sofort los, wenn ihre kostbare Vase in Scherben geht; der adrette, aber charakterlich etwas mickrige Herr Kunstlehrer redet Papier, verkündet modischen Kunstquatsch und hat, Intellektuelle sind eben anfällig für so was, eine uneingestandene homophile Neigung; die Tochter der Ruth Halbfass bringt einen Hauch Münchner Textil-Progressivität in die Geschichte, der schwule Frisör ein bißchen großstädtische Verworfenheit, Erich Halbfass eine Portion biedere deutsche Unternehmer-Jovialität. Und durch seine umwerfend kitschige Neureichen-Welt schmettern pausenlos, Schmidt und Tauber geölten Kehlenschmalz.

Schlöndorff hält geschickt die Balance zwischen Krimi, Love Story, bourgeoisem Rührstück und boshafter Persiflage. Er arbeitet mit optischen Pointen und Verweisen, spielt Ironie und Sarkasmus in den banalen Dialogen aus, läßt Motive und Zusammenhänge im unklaren; er verunsichert den Zuschauer permanent und lockt ihn auf falsche Fährten. Von einer Szene zur anderen wird eine Figur unangenehm, fragwürdig oder sympathisch.

Am besten gelingt dieser Schwebezustand Senta Berger, die ein hartnäckiges Gerücht noch immer zum Busenstar stempeln will. Sie spielt hinreißend die Geliebte, die von großen Gefühlen und der Selbstbefreiung der Frau spricht, wie „Quick“ und „Jasmin“ es vorformuliert haben, und die sich doch aus ihrem goldenen Käfig nicht lösen kann. Sie vergegenwärtigt zugleich eine ironische, fast amüsierte Distanz zu dieser Frau und scheint uns dauernd einzuladen, über die ach so übliche und verständliche Moral der Ruth Halbfass herzlich zu lachen.

Helmut Griem dagegen findet kaum den richtigen Ton und bleibt erstaunlich hölzern und undifferenziert. Allerdings ist die Rolle des handlungs- und entscheidungsunfähigen Intellektuellen, vom Co-Autor Peter Hamm mutig eine Selbst-Karikatur genannt, schon vom Buch her wenig plausibel.

Der Film ist, wie man so sagt, umstritten. Vielleicht hat Schlöndorff zu nachhaltig betont, er wolle endlich Unterhaltung und Gesellschaftskritik im Kino verbinden und Ernst machen mit den frivolen und trivialen Geschichten, die das Leben so schreibt und die sich in jeder Zeitungsnotiz spiegeln. Vielleicht hat er auch zu sehr dem satirischen Effekt ganz seriös kredenzten Himbeerwassers vertraut: man ist manchmal unsicher, ob er Klischees denunzieren wollte oder ob er ihnen aufgesessen ist.

Ich glaube dennoch, „Die Moral der Ruth Halbfass“ tendiert ungleich stärker zur „Untreuen Frau“ als zu Simmel/Vohrers „Liebe ist nur ein Wort“. Daß Chabrols Attacke auf die französische Bourgeoisie wie ein subtiles Kammerspiel und die Schlöndorffs auf die deutsche vergleichsweise wie eine derbe Burleske wirkt, mag weniger am Regisseur als am Sujet liegen. „Ruth Halbfass“ setzt die Bereitschaft voraus, zu lachen und keine der Figuren übermäßig ernst oder gar tragisch zu nehmen. Das haben aber viele getan und den Regisseur verdammt. Sic transit gloria mundi. Wolf Donner