Von François Bondy

Tibor Déry, der berühmte, jetzt siebenundsiebzigjährige Erzähler, lebt mit seiner jungen Frau, einer Schauspielerin, im Pasareti-Viertel in Budapest, unweit Janos Kadars Residenz, und im Sommer auf seinem Besitz am Plattensee. Er gehört also zu den Privilegierten, den Respektspersonen des heutigen Ungarn, wo er – unter dem gleichen Janos Kadar – drei Jahre lang, zwischen 1957 und 1960, im Kerker von Vas saß.

Der Sohn eines Industriellen, der als Verfolgter, als Emigrant fast immer materielle Bedrängnis gekannt hat, bezeichnet sich selber heute als „wohlhabend“. Der Altkommunist, der jenseits aller Politik seit Jahrzehnten zu den international bekanntesten Schriftstellern seines Landes gezählt wird, legt Memoiren vor, in denen die Beobachtung von Pflanzen und Insekten in seinem Garten, das Walten der Jahreszeiten, das Gedeihen oder Vertrocknen der Reben, die Installationsprobleme eines umgebauten Hauses und im Rückblick die Erfahrungen eines leidenschaftlichen Bakkarat- und Kartenspielers und eines noch leidenschaftlicheren Liebhabers mehr Raum einnehmen als jene sozialen Verhältnisse Ungarns, die Déry als Romancier („Der unvollendete Satz“, „Die Antwort“) so eindrucksvoll dargestellt hat, und als jene politischen Umstände bis zum Grauen des Krieges, den Deportationen, den Diktaturen, für die seine Meisternovellen, vor allem „Nicki, die Geschichte eines Hundes“ zeugen. Er selber, in Horthys wie in Kadars Ungarn eingekerkert, hat mit seinem Leben so gut wie mit seinem Werk seine Engagiertheit bezeugt. In diesen Memoiren –

Tibor Déry: „Kein Urteil – Erinnerungen“ (Originaltitel: „Itélet nincs“), aus dem Ungarischen von Eva Vajda und Johanna Kerekes; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 487 S., 34,– DM

werden die meist privaten Erfahrungen eines Lebens vom Gartenidyll eines ruhigen, ehrenvollen Alters umrahmt – einem Idyll, das allerdings mit seinen Fragwürdigkeiten und Brüchigkeiten dargestellt wird.

Zum Aufrufen der Vergangenheit bedient sich Tibor Déry eines makabren Verfahrens: Er betrachtet wirkliche und imaginäre Gerippe eines Friedhofes, unter denen er jene Menschen, mit denen er in Freundschaft, Streit, Liebe verbunden war, zu erkennen vorgibt – auch den durch Selbstmord unter einem Zug umgekommenen großen Lyriker Attila József, dessen Skelett dann auch so geschildert wird, wie es durch die Umstände dieses Todes ausgesehen haben mag.

Sich selber politisch sonderlich ernst zu nehmen, das hat Tibor Déry – treibende Kraft im Petöfi-Klub, im ungarischen Schriftstellerverband vor und nach dem Volksaufstand und noch früher führender „Nichtkonformist“ unter den Schriftstellern seiner Generation – niemals gewollt. Schon anfangs berichtet Déry – zurückhaltend in allem, was seine eigene große Rolle in jenem ungarischen „Frühling“ im Herbst betrifft wie er im Prozeß seine mutigste und berühmteste Rede desavouiert hat und sich dessen heute schämt. Es ist nicht Koketterie, sondern einfache Ehrlichkeit, wenn Déry uns mehr von dieser Schwäche als von seinen großen Stunden wissen läßt. Masochistische Lust an der eigenen Erniedrigung ist es nicht, denn die andern Menschen, auch nächste Freunde, kommen keineswegs besser weg als er selber; die gelegentlich hochmütige, souveräne Selbstironie, die Déry als Kunstmittel einsetzt, dient zugleich als Folie für einige überraschende Aggressionen.