Der Münchner Theaterprofessor Artur Kutscher (1878 bis 1960) überlebte mit seinen Werken. Er führte die Theaterwissenschaft als Lehrfach an der Universität ein und gründete ein Reisebüro. Nach seinem Tod hat man in Schwabing, mit dem er sehr verbunden war, einen Platz nach ihm benannt. Sein Reisebüro liegt sieben Straßen weiter in der Ainmillerstraße.

Der Professor war ein berühmter Wissenschaftler und ein reiselustiger Mann. Außerdem vertrat er die Ansicht, daß man die Geburt der Tragödie nur ganz versteht, wenn man im Theater von Epidauros erlebt, wie die Akustik das Geräusch einer fallenden Münze bis zu den höchsten Stufen trägt, wie Marmor im Mondschein schimmert und das Käuzchen schreit. Schon vor dem Ersten Weltkrieg fuhr er mit seinen Studenten zu den klassischen Bildungsstätten am Mittelmeer.

Der Name verpflichtet. Das Reisebüro wird von einem Schüler im Geiste des Theaterprofessors geführt. Kutscher-Reisen sind Bildungsreisen auf den Spuren Goethes, Winckelmanns und Humboldts. Zielgebiete sind Italien und Griechenland, Frankreich und Spanien, Israel, Ägypten und Marokko, aber auch Rußland, Äthiopien, Persien, Indien, Mexiko, Brasilien... Die Welt ist ein großes, faszinierendes Studienzimmer. Die Reiseleiter sind Wissenschaftler wie die Professoren Otto zur Nedden von der Universität Köln und der Münchner Ordinarius für Kunstgeschichte Wolfgang Braunfels.

Das exklusive Reiseunternehmen pocht auf eine Erfahrung von mehr als einem halben Jahrhundert. Der Reisende soll die Welt nicht nur sehen, sondern auch begreifen. Man ist immer nur in kleinen, übersichtlichen Gruppen unterwegs, fliegt mit Maschinen des Liniendienstes und übernachtet in erstklassigen Hotels. Individualität und Niveau der Reisen bestimmen auch die Preise. Im Reisebüro des Theaterprofessors gibt es keine Eckpreise. Der Ausflug nach Sizilien mit allen Städten und Tempeln (15 Tage Vollpension, von und bis Frankfurt) kostet 1560 Mark. Und das ist etwa der Durchschnittspreis. Eine der billigsten Reisen, ein Ferienaufenthalt in Seefeld mit Exkursionen (15 Tage ohne Anfahrt), kostet 1280 Mark. Die teuersten Reisen führen zu fernen Zielen und kosten ab 4000 bis 5000 Mark: 17 Tage Mexiko 4590 Mark, 23 Tage Brasilien 6850 Mark, 24 Tage Alaska 8520 Mark, 34 Tage Philippinen, Neuguinea und Bali (einschließlich einer sechstägigen Kreuzfahrt mit dem Hausboot auf dem Sepik-Fluß ins Zentrum der Papuas) 12370 Mark. Eine Studienreise nach China wird vorbereitet: 23 Tage etwa 7000 Mark.

Programmschwerpunkt und Spezialität (seit 20 Jahren) sind Kreuzfahrten im Mittelmeer. Das Reisebüro hat zwei Schiffe nur für seine Gäste gechartert, die „Dalmacija“ (5500 BRT) und die „Aquarius“ (4500 BRT). Auf jedem Schiff mit einer tatsächlichen Bettenkapazität von 350 fahren nur 220 Menschen mit. Vierbettkabinen gibt es nicht. Bei der Osterkreuzfahrt nach Griechenland und Kleinasien sind sieben Professoren an Bord, darunter der bekannte Mainzer Byzantinist Armin Hollweg. Die Kreuzfahrten auf verschiedenen Routen im östlichen und westlichen Mittelmeer (bis zu den Kanarischen Inseln und nach Madeira) kosten ohne Anreise zwischen 1080 und 2790 Mark.

Das Reisebüro in der Ainmillerstraße hat kaum Zuwachsraten. Die Buchungen sind seit Jahren ungefähr konstant. Die Zahl von jährlich rund 3500 Reiseteilnehmern läßt auf den Umsatz schließen, der ungefähr so hoch ist wie der konkurrierender Studienreiseveranstalter: um fünf Millionen Mark. bo