Von Hans Otto Eglau

Mit einer „spekulativen Empfehlung“ versetzte der Aktien-Tipdienst „Frankfurter Börsenbriefe“ seine Leser letzte Woche in Kaufstimmung: „Verdienen Sie mit am größten Machtkampf des Jahres in der deutschen Industrie!“

Was die Frankfurter Börsenpropheten ziemlich voreilig als „größten Machtkampf des Jahres“ hochjubelten, gibt Managern, Bankern und Aktionären seit einigen Monaten Rätsel auf. Mit Hilfe gut getarnter Börsenmanöver versucht nämlich ein offenbar kapitalkräftiger Interessent, die Herrschaft über Deutschlands führenden Schuhhersteller, die Firma Salamander AG im schwäbischen Kornwestheim, zu erringen. Die Salamander-Aktie, deren Kurs noch Mitte Januar bei 96 lag, notierte als Folge der gezielten Aufkäufe Mitte vergangener Woche bereits mit 150.

Die Frage nach dem Namen des unbekannten Salamander-Interessenten können jedoch selbst gutinformierte Börsianer nur mit einem heißen Tip beantworten. Für sie scheint es ausgemacht, daß einer der erfolgreichsten britischen Konzernbauer zum Sprung auf das süddeutsche Traditionsunternehmen angesetzt hat: der 68jährige Charles Clore, zu dessen weitverzweigtem Reich u. a. Schuhfabriken und eine über ganz England verteilte Kette von etwa 2000 Schuhläden gehören.

Der einst als unbedeutender Immobilienhändler gestartete Clore gilt in Kreisen der britischen Industrie als ausgesprochener Übernahmemeister. Unter dem Dach seiner Sears Holding Ltd., Englands führender Industrie-Holding (Umsatz 1970: über 2,5 Milliarden Mark) vereinigte er außer Schuhfabriken und Schuhgeschäften metallverarbeitende Werke, rund 20 „Selfridges“-Warenhäuser, eine Werft, Englands größte Strickmaschinenfabrik und eine Kette renommierter Silberschmiede-Läden.

Dem scheuen Juden, der sich jüngst auch noch in ein angesehenes Londoner Wettunternehmen einkaufte und der den berühmten Ungeheuer-See „Loch Ness“ im schottischen Hochland sein eigen nennt, wird das Wort zugeschrieben: „Für mich spielt es keine Rolle, ob meine Manager lesen und schreiben können – solange sie nur meine Gewinne maximieren.

Sein Interesse an der größten Schuhfirma der Bundesrepublik (Umsatz 1970: knapp 485 Millionen Mark) hatte der erfolgreiche Brite schon im Mai vergangenen Jahres bekundet, als er in Verhandlungen mit Salamander-Aufsichtsrat Robert Ehret, im Hauptberuf Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, die Bereitschaft der Schwaben zu einer Zusammenarbeit mit bestimmendem Einfluß Clores abtastete. Vor allem der bevorstehende Beitritt Englands zur EWG hatte sein Interesse an einem eigenen Stützpunkt auf dem Kontinent geweckt.