Von Wolfram Siebeck

Wenn mich früher jemand fragte: „Na, Kleiner, was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?“ antwortete ich wie aus der Wasserpistole geschossen: „Forscher.“ An der Beliebtheit dieses schönen Berufes hat sich seitdem wohl nichts geändert; denn wenn ich den heutigen Pistolenschützen die gleiche Frage stelle, lautet die Antwort wie schon damals: Forscher.

Damit sind natürlich nicht die Meinungsforscher gemeint, die anläßlich der Wahlen in Baden-Württemberg wieder viel von sich reden machen. Denn noch erscheint es dem Nachwuchs reizvoller, Alligatoren in der Grünen Hölle zu fangen, als Grüne Witwen nach ihrer politischen Einstellung zu befragen. Und doch gibt es viele Anzeichen dafür, daß Jugend auch nach Meinung forscht. Jedenfalls ist meine Meinung häufig genug das Ziel von Fragenexpeditionen, die sich unter widrigen Umständen durch den Gedankendschungel mühen.

Meistens sitze ich ahnungslos am Tisch, wenn mich einer der Jungdemoskopen mit einer Frage überfällt wie: „Was ist das: Es hängt an der Wand und gibt jedem die Hand?“ Ich weiß es natürlich zu schätzen, daß ich von dem Meinungsforscher dem repräsentativen Bevölkerungsdurchschnitt zugerechnet werde, und revanchiere mich mit: „Der pfötchengebende Dackel des Oberförsters, der im Rucksack am Kleiderhaken hängt.“ Allerdings repräsentiere ich damit nur die Meinung von 50 Prozent der Befragten, weil der zweite befragte Erwachsene eine abweichende Meinung hat.

Ein ähnliches Verhältnis ergab sich bei einer anderen Umfrage. Auf die Frage, welchem Essen sie den Vorzug geben würden, wenn sie zu wählen hätten zwischen Vanillepudding und Schokoladenpudding, entschieden sich 1 Erwachsener für Vanillepudding, während die restlichen 50 Prozent dazu keine Meinung hatten.

Ohne Ergebnis war dagegen die Meinungsforschung bei der nächsten Frage: „Hast du lieber laute Kinder oder lieber dreckige Kinder?“

Sage ich: „Laute Kinder“, machen sie sofort einen Höllenspektakel; ziehe ich aber dreckige Kinder vor, werden sie sich nie mehr waschen. Also schweige ich beharrlich, während die andere befragte Person eine ausweichende Antwort gibt: „Nun sei endlich still und iß deine Haferflocken!“

Vielleicht erklärt dieses Verhalten einige der so auffällig falschen Umfrageergebnisse bei Wahlen. Die Befragten, die sich weder für dreckige noch für laute Kinder entscheiden wollen, weichen auf irgendeine nichtssagende Antwort aus, wie „Ich würde SPD wählen“, oder „Bin für die CDU“. So kann man also nur das eine mit Sicherheit aus den Umfrageergebnissen schließen, daß nämlich Leute, die den Demoskopen versichern, diese oder jene Partei zu bevorzugen, eigentlich nur eins wollen, nämlich keine lauten und keine dreckigen Kinder.