Die deutsche Nuklearindustrie ist verunsichert. Verwundert fragten sich die Herren über Reaktoren, Kessel und Turbinen jüngst auf der Reaktortagung des Deutschen Atomforums in Hamburg, warum ihren Aktivitäten nicht jener Beifall gezollt wird, den sie selbst für angemessen halten. Denn sie sehen nur noch Fußangeln auf dem Weg zur vollelektrifizierten Gesellschaft: Schlechte Gesetze, schlampige Behörden und eine durch hypochondrisches Umweltbewußtsein geistig nicht mehr ganz intakte Öffentlichkeit – das waren die Klagen an der Alster.

Außerdem wurde der Teufel oder doch wenigstens die Finsternis an die Wand gemalt: In fünf Jahren schon sei es so weit, daß die Elektrizitätsgesellschaften ihren durch Gesetz vorgeschriebenen Auftrag, allen Interessenten ausreichende Mengen Strom zu liefern, nicht mehr erfüllen könnten, es sei denn, Bürger und Behörden halten Einkehr und lassen die Industrie ungehindert Kraftwerke bauen, zumal elektrischer Strom nach Meinung seiner Erzeuger die umweltfreundlichste Energieform ist – besonders, wenn er aus Kernkraftwerken kommt.

Es nimmt jedoch wunder, wie leicht es den Fachleuten fällt, über diffizilere Fragen hinwegzuhuschen. Zwar ist es bei Photos von Kernkraftwerken nicht nötig, aus dem Schornstein quellende schwarze Rauchwolken durch Retusche zu beseitigen, dafür treten aber eine Reihe neuer Probleme auf, die von der schieren Größe der Reaktoren und auch von ihrem ungeheueren Gefährdungspotential herrühren. Kernkraftwerke sind nämlich erst ab einer Leistung von etwa tausend Megawatt wirtschaftlich konkurrenzfähig, und die Abwärme solcher Giganten dürfte für das Klima ihrer näheren Umgebung nicht unerheblich sein. Und die behauptete „absolute Sicherheit“ der Reaktoren wird nicht unbedingt dadurch glaubhaft, daß sie ständig wiederholt wird.

Immerhin hat die amerikanische Atomenergiekommission seit einem Jahr keinen Reaktorneubau mehr genehmigt, und sie tut sich überdies schwer bei Abwicklung der Genehmigungsverfahren für bereits im Bau befindliche Kernkraftwerke. Es hat mitunter den Anschein, als sei die Kernenergie etwas zu früh und zu massiert ins Rennen geschickt worden.

Selbst von dem geladenen Festredner, dem Heidelberger Religionsphilosophen Georg Picht, wurde den in Hamburg versammelten Reaktorexperten kein Trost zuteil. Ebenso wie die Raumfahrt sei die Kerntechnik – so Picht – der Illusion ihrer unbegrenzten Möglichkeiten wie einem Rauschgift aufgesessen.

Solche Belehrung war jedoch schnell verdrängt, als es am nächsten Tag galt, der Kernenergie zu ihrem vermeintlichen Recht zu verhelfen. Erhard Keltsch, Vorstandsvorsitzender der Preussischen Elektrizitätswerke in Hannover, forderte von der Bundesregierung und den Länderbehörden die Verbesserung des komplizierten und aufwendigen Genehmigungsverfahrens, von den Herstellern schnellere Lieferung und von der Öffentlichkeit Verständnis. Das einzige, was ihm etwas zu perfekt erscheint, ist die Demokratie, wenigstens was den nuklearen Bereich angeht. Er findet es unerträglich, daß jeder Bürger das Recht hat, gegen die Errichtung von Kernkraftwerken Klage zu erheben.

In der Tat offenbart sich bei diesem Problem das schwerwiegendste Dilemma der gegenwärtigen Reaktorpolitik: Juristische Instanzenwege dauern länger als der Bau eines Kernkraftwerks, und was geschehen soll, wenn ein Kläger endlich obsiegt hat, während das Kraftwerk schon munter Strom produziert, ist bislang nicht abzusehen.