Von Wolf Donner

Er nennt sich selber ein Medium und will, das sagt er immer wieder, nichts als Oberfläche zeigen, auf Bildern, in Filmen, neuerdings auch im Buch und auf der Bühne. Außerdem will Warhol die Wahrheit sagen und die Wirklichkeit zeigen, und schließlich liebt er es, den interpretierwütigen Kulturbetrieb zu narren, hohe Kunst und billige Show sarkastisch gegeneinander auszuspielen und dabei immer seinen Namen als gewinnträchtiges Markenzeichen zu nutzen.

Mit diesen drei Impulsen – Oberfläche, Authentizität, Provokation – läßt sich auch ein Buch erklären, das 1968 in New York erschien und auch in einer ausgezeichneten deutschen Übersetzung vorliegt –

Andy Warhol: „a“, Roman, aus dem Amerikanischen von Carl Weissner; Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln; 473 S., 28,– DM.

Natürlich ist es sowenig ein Roman wie von Andy Warhol. Der Meister ließ einen der Transvestiten aus seiner Menagerie, der New Yorker Factory, vierundzwanzig Stunden lang mit einem Tonbandgerät herumziehen, in Wohnungen, Lokalen, Parks, Straßen und Taxis, beim Essen, Baden, Musikhören und Fixen, beim pausenlosen Quasseln und Telephonieren. Dann schrieben zwei Sekretärinnen die insgesamt vierundzwanzig Tonbänder ab.

Ob Warhol das Ergebnis je gelesen oder gar redigiert hat, scheint zweifelhaft. Seine Autorschaft bestand einzig in der Idee; der künstlerische Herstellungsprozeß ist anonymisierbar und übertragbar, wie beim Abmalen von Suppendosen oder beim vielstündigen Abfilmen des Empire State Building. Die mitgemeinte Kritik an der heiligen Kreativität des Künstlers nutzt ihm dabei wenig: „a“ wurde prompt mit dem „Ulysses“ verglichen.

Das Protokoll der vierundzwanzig Stunden aus dem Leben des prominenten New Yorker Transvestiten Ondine ist penetrant exakt. Ein abenteuerlich bunter Satzspiegel, Versalien, Kursivschrift, Wortfetzen und unzählige Satzzeichen registrieren jeden Laut, jede Betonung, jedes Nebengeräusch. Ein aufwendiger Exzeß an Banalität: Warhols Superstars blödeln, plappern, schwafeln, witzeln, klatschen, tratschen und, wenn sie high sind, lallen sie, ohne je den gehegten Bereich der Camp-Trivialität zu verlassen.