„Davon kommst du nicht los“, Gedichte von Günter Radtke. Diese Verse suchen ihre Modernität in der Präzision des Wirklichkeitsbildes und in aphoristischer Knappheit, nicht in der Trennung des Wortes von seinem Inhalt. Im Gegensatz zu jenen Autoren, die sich kahle Inseln der Form bauen, um dort ganz allein spielen zu können, findet Radtke für seine Phantasie in der existierenden Welt genug Spielraum. Seine Gedichte – nicht ohne satirischen Hinterton und manchmal der Lyrik von Stanislaw Jerzy Lee verwandt – bereiten dem Leser nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein intellektuelles Vergnügen: „Wenn ein Fremderlan deinem Haus/vorübergeht/sieht er/mit schlafenden Liedernlauf den Lippen/sieht er einen Fremden/am Fenster/der einen Fremden/vorübergehen sieht.“ Günter Radtke, 1925 in Berlin geboren, früher Industriekaufmann, Archivar und Journalist, seit 1965 freier Schriftsteller (dies ist sein dritter Gedichtband, 1971 erhielt er den Kurzgeschichtenpreis der Stadt Neheim-Hüsten) ist ein stiller und bescheidener Mann. Seine Gedichte schreien und gestikulieren nicht, werfen sich nicht in Pose und offenbaren keine genialen Wahrheiten. Sie stellen Fragen, zurückhaltend, durchdacht, poetisch bildhaft, sicher treffend: „Einer/der seine Arme hat aber/seine Augen nicht mehr/und einer/der seine Augen noch hat aber/nicht mehr seine zwei Arme/gingen aneinander/vorüber./Was hätten sie/anderes/tun sollen.“ (Delp’sche Verlagsbuchhandlung, München; 64 S., 7,80 DM.) Gabriel Laub

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„Der Kondor“, Roman von Shirley Ann Grau. Er fängt bescheiden an: Taschendiebstahl, Einbruch, etwas Mädchenhandel, Schnapsschmuggel, Opium- und Waffengeschäfte. Er wird reich und dazu „ein geachteter Mann“, ein erleuchteter Unternehmer. Seine Töchter haben mit den Ehemännern und den Söhnen wenig Glück. Anna betet viel, und Margaret macht sich im Büro des Vaters nützlich, beide Damen richten manchmal wie besessen Wohnungen und Häuser ein. Shirley Ann Grau hat vor sieben Jahren den Pulitzer-Preis für „Die Hüter des Hauses“ erhalten. „Der Kondor“ hat mit diesem früheren Roman die Südstaaten-Stimmung und die Gliederung gemeinsam: Die Erzählerin versetzt sich abwechselnd in dieses oder jenes Mitglied der Familie (das kann auch einmal ein besonders anhänglicher und besonders gut bezahlter Diener sein, ein Neger). Bei aller handwerklichen Sicherheit: das neue Buch wirkt flauer als das alte. Ob der Schwager sich noch einmal mit der Schwägerin einläßt und was er diesmal dabei fühlt, ob ein Enkel fromm wird und sein Vetter gerade nicht – auch der Autorin scheint es schließlich nicht so sehr darauf anzukommen. Was soll sie machen? In dicken Romanen muß etwas vorgehn. So schickt sie den muffelnden Millionenerben wieder mal mit einer liebenswürdigen Eroberung ins Bett. (Aus dem Amerikanischen von Kurt Wagenseil; Rowohlt Verlag, Reinbek; 445 S., 26,– DM.) Christa Rotzoll