Von Dietrich Strothmann

Ist das etwa der neue Typ des Politikers: alert und arbeitsam, auf Abgrenzung bedacht und auf Anlehnung, programmatisch und pragmatisch je nachdem, leistungsorientiert und pragmatisch sen von Fall zu Fall? Dies alles ist – von anderem abgesehen – Horst-Ludwig Riemer, seit dem letzten Wochenende Landesvorsitzender der Freien Demokraten in Nordrhein-Westfalen. Und das andere? Das Alter – (er ist gerade 39 Jahre geworden), das Amt (er leitet seit knapp zwei Jahren das Düsseldorfer Mammut-Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr), die Aufgabe (er ist mitverantwortlich für das Wohlergehen des Ruhrbergbaus), der Auftrag (er muß den mitgliedstärksten FDP-Landesverband zusammenhalten). Auch das wäre also ein Kennzeichen für Politiker der neuen Generation: jung und immer im Einsatz.

Dabei macht ihm das Alter, trotz erster Anzeichen von körperlichen Schwächen, noch am wenigsten zu schaffen. Riemer hat selbst Alt-Liberalen – alt gemessen am Jahrgang – vorexerziert, daß er das Zeug zum Parteiherzog hat. Willi. Weyer, mit einer Mischung aus Zuneigung und Respekt „Big Willi“ und „Mr. FDP“ genannt, hat das gleichfalls oft genug zu spüren bekommen. Immer dann, wenn der Jüngere von sich selber und von seiner Sache überzeugt war, legte er sich auch mit dem Älteren an. So kamen sie sich, als Riemer zunächst Landesvorsitzender der Jungdemokraten und dann Weyers Stellvertreter in der Parteiführung war, näher – „Schrittchen für Schrittchen“.

Fleiß und Fortune, Ausdauer und Engagement forderten schließlich ihren Preis, ihre Auszeichnung: Noch ehe Willi Weyer daran dachte, nach 16 Jahren aufreibendem, kräfteverzehrendem Kampf ums Überleben der FDP, die Stafette an einen jüngeren Mitläufer weiterzugeben, hatte er Horst-Ludwig Riemer zu seinem „Kronprinzen“ erkoren. Vielleicht auch, weil er wußte, daß es den Jung-Liberalen sowenig nach Bonn zieht, wie es ihn, den ehemaligen „Jungtürken“, in die große Politik drängte. Wie Weyer weiß auch Riemer, daß sich das Bonner Schicksal der FDP noch immer im Land zwischen Rhein und Ruhr entschieden hat. Kommen die Liberalen in Nordrhein-Westfalen über die Wahlhürde, dann schaffen sie es auch im Bund. Das ist das Gesetz der Freien Demokraten, an das sie sich klammern, und Riemer ist dessen eingedenk: In Treue fest in Düsseldorf.

Zu schaffen wird ihm, der sich nach seiner Wahl in Duisburg als „Ackergaul“ empfahl, gewiß die Pflicht machen, in doppelter Funktion auftreten zu müssen: als Chef des – nach dem Finanzressort – zweitwichtigsten Ministeriums, von dem in einer Zeit der Konjunkturkrise und in einem Industrieland viel gefordert wird, wie auch als Vorsteher einer Partei, die von Weyer geprägt wurde und die um ihre Existenz ringt. Der „Ackergaul“ muß sich zuweilen also auch, als Rennpferd bewähren.

Es mit Karl Schiller aufzunehmen wegen, der Kalamitäten im Ruhrbergbau („Das ist gut fürs Image“), mit Helmut Schmidt wegen eines dritten NRW-Flughafens, mit Georg Leber um einen gerechten Verkehrsausbau oder mit den Gewerkschaften um die Art der Mitbestimmung – das ist für einen Mann schon übergenug. Sich noch dazu und mit derselben Leidenschaft und Energie um die Basis der Partei zu kümmern, für drei bevorstehende Wahlen (pro Jahr eine) Neuwähler zu gewinnen und Traditionswähler bei der FDP-Stange zu halten – das ist Riemers zweites Hauptarbeitsfeld.

Auch wenn er es versteht, geschult im Wirtschaftsmanagement und in der Verwaltungstechnik, Aufgaben zu delegieren, Aufträge im Teamwork zu erledigen, wird ihm das Doppelamt als Ressortchef und Parteichef zu schaffen machen. Denn anders als Willi Weyer, zu dessen Reputation als unangefochtene Autorität in der Bundespartei auch die Gabe gehörte, in der Landespartei gelegentlich mit harter Hand durchzugreifen, läßt Riemer vorläufig noch keine Anlage zu autoritärer Aktivität erkennen. Er will diskutieren, nicht diktieren. Der politische Alltag freilich, die innerparteiliche Kontroverse vor allem, wird ihn da wohl noch eines anderen belehren.