Von Werner Höfer

Der Düsseldorfer Regierungschef und derzeitige Bundesratspräsident Heinz Kühn verleugnet nicht die heimliche Liebe zur Außenpolitik. Aber nach seinem Moskauer Ausflug möchte er sich nicht nachsagen lassen, nun – nachdem er schon „Geburtshelfer“ der sozialliberalen Bundesregierung war – auch noch deren „Nothelfer“ zu sein. Er habe weder Zugeständnisse erbeten noch erhalten. Das Reiseziel sei gewesen, Verdeutlichungen heimzubringen.

In dem Bemühen, keine unangemessenen Eindrücke entstehen zu lassen, möchte Heinz Kühn in Andrej Gromykos Rede keinen Reflex auf sein vorhergegangenes Gespräch mit dem sowjetischen Außenminister über den „Brief zur Deutschen Einheit“ sehen – es sei denn im Prozeduralen. Indessen sei nicht zu übersehen, daß der Dirigent der sowjetischen Außenpolitik sich an die Zusage gehalten hat, diesen Brief nicht nur als Tatsache, sondern auch dem Inhalt nach dem Obersten Sowjet zur Kenntnis zu bringen.

„Es war ein Zufall, daß gleichzeitig mit Ihnen der SED-Chef Erich Honecker in Moskau war. Ein Zufall, der mehr Vorteile als Nachteile bot?“

„Das möchte ich annehmen. Bei dem Gespräch mit Leonid Breschnjew, dem Generalsekretär des ZK der KPdSU, konnte ich davon ausgehen, daß er zuvor mit dem Besucher aus Ostberlin über die Frage gesprochen hat, die auch ich in allem Freimut, aber auch mit gebührender Zurückhaltung angeschnitten habe: über die größere Freizügigkeit der Menschen im geteilten Deutschland.

Selbstverständlich habe ich in diesem Gespräch anerkannt, daß die Sowjetunion das Souveränitätsbedürfnis der DDR zu berücksichtigen habe. Ich habe aber auch davon gesprochen, daß in einem vertrauensvollen Allianzverhältnis Denkanstöße nicht unstatthaft sind. So habe ich den Gedanken eingebracht, daß es den Menschen in unserem Lande viel bedeutet, wenn man die Altersgrenze für DDR-Bürger, denen eine Ausreise erlaubt wird, auf 50 Jahre herabsetze. Auch die Tragik an der Berliner Mauer habe ich zur Sprache gebracht.“

Ich gewann bei diesem ernsten und offenen Gespräch den Eindruck, daß Breschnjew die Bedeutung dieser menschlichen Aspekte des Deutschlandproblems versteht.“