Auf seinem stets überquellenden Terminkalender stand für den Freitag letzter Woche das Schlußwort zu dem Kongreßthema: „Aufgabe der Zukunft: Verbesserung der Lebensqualität.“ Er hat es nicht mehr halten können. Nur noch teilweise konnte Otto Brenner den Kongreß von seinem Krankenbett aus verfolgen.

Es ist symptomatisch, daß der Schlußstein im Leben des Vorsitzenden der größten Gewerkschaft der Welt eine Arbeitstagung war, auf der Wissenschaftler, Politiker und Gewerkschafter aus West und Ost über die „Verbesserung der Lebensqualität“ nachdachten und debattierten. Eine neue Lebensqualität für die industrielle Gesellschaft war immer das Ziel Otto Brenners als Gewerkschafter wie als Politiker.

Suchte er sie in seinen jungen Jahren im Sozialismus, so schloß er als Vorsitzender der Industriegewerkschaft Metall schließlich seinen Frieden mit der sozialen Marktwirtschaft, jedoch fest entschlossen, dem Attribut „sozial“ eine stärkere, ja die tragende Bedeutung zu geben. In seinem Weltbild gehörte die soziale Demokratie auch im wirtschaftlichen Bereich untrennbar dazu. Die Mitbestimmung der Arbeitnehmer, ihre Beteiligung an den ökonomischen Entscheidungsprozessen war für ihn eine zentrale Forderung.

Hart, nüchtern und zäh handelte Otto Brenner in der täglichen Gewerkschaftsarbeit für die Metallarbeiter nicht nur Löhne und Gehälter, sondern auch soziale Fortschritte wie Arbeitszeitverkürzung, Rationalisierungsschutz und – nach einigem Zögern – auch Beteiligung an der tariflichen Vermögensbildung aus. Dabei scheute er den Arbeitskampf mit den Arbeitgebern ebensowenig wie die Auseinandersetzung mit den Radikalen in den eigenen Reihen, die unsere Wirtschaftsordnung nicht reformieren, sondern revolutionieren wollen. In einer seiner leidenschaftlichsten Reden brachte er noch auf dem Metallarbeiterkongreß im letzten Herbst das Gewerkschaftsschiff wieder auf seinen Kurs, als es aus dem Ruder zu laufen drohte, und bot der von ihm bejahten Regierung Brandt/Scheel den Flankenschutz seiner Gewerkschaft.

Als einer der ersten Gewerkschaftsführer erkannte Brenner aber auch, daß es die wichtigste Zukunftsaufgabe der Gewerkschaften ist, sich mit den Folgen der zweiten industriellen Revolution, des Strukturwandels und der Internationalisierung der Wirtschaft auseinanderzusetzen. Nicht reagieren auf künftige Entwicklungen, sondern sie mitbestimmen, war seine Devise. Sein Engagement im internationalen Metallarbeiterverband war eine der Konsequenzen daraus, eine andere die schon in die Tat umgesetzte Erkenntnis, daß die Bewältigung der Zukunft „ein ungleich höheres Bildungsniveau“ der Arbeitnehmer erfordere.

Neben und nach Hans Böckler war Otto Brenner der zweite große Gewerkschaftsführer, der Programm und Weg der deutschen Gewerkschaftsbewegung in der Nachkriegszeit nachhaltig beeinflußt hat. Unter den Herzögen an der Spitze der Industriegewerkschaften war er der mächtigste.

Drei Jahre noch hatte Brenner sich selbst Zeit gegeben, die Nachfolge zu ordnen. Nun ist zu befürchten, daß im Frankfurter Hauptquartier Diadochenkämpfe ausbrechen, kaum daß das Grab geschlossen ist. Doch wer immer an seine Stelle tritt, der Herzogmantel, der dem „eisernen Otto“ jetzt von den Schultern glitt, ist für jeden potentiellen Nachfolger zu groß. hm