Von Carl Schmidt-Polex

München

Den Münchner Behörden ist gelungen, was kaum jemand für möglich hielt: dem ältesten Gewerbe der Welt eine neue Variation abzutrotzen. Die um die Bahnhofsgegend herum kasernierten Lustspenderinnen mußten sich ehrenwörtlich verpflichten, zwischen 20 Uhr und 0.30 Uhr nicht mehr kommerziell zu lieben. Dieser vorläufige Kompromiß im Münchner Dirnenkrieg wird von Freilassing bis Flensburg belächelt. Und die Münchner Behörden suchen geradezu verzweifelt nach einem Schlußstrich, der ihnen gestatten würde, wenigstens die Konturen eines Gesichts zu wahren.

Am vorvergangenen Montag waren rüstige Polizeibeamte vor den Toren von vier einschlägigen Etablissements der Innenstadt aufgezogen, nachdem zwei Tage zuvor die Münchner City zum erweiterten Sperrbezirk erklärt worden war (ZEIT Nr. 15). Platzverbot für die Freier hieß die Anordnung des ersten Polizeieinsatzes. Die Freier scheiterten an der Polizeikette, die Damen sollten, wie es der leitende Kriminaldirektor Stogel formulierte, ausgehungert werden.

Während am zweiten Tag der polizeilichen Belagerung Juristenum die Rechtmäßigkeit und „Verhältnismäßigkeit“ breiten, entwickelte sich imEros-Center Leierkasten spontane Bürgerinitiative Studenten traten den Liebestuächen zur Seite, machten Plakate („Laßt den Leierkasten leiern“), probten Schlachtrufe wie „Wir wollen unsere Mädchen wiederhaben“. Und spätestens in diesem zweiten Abend mußte es den Polizeioberen dämmern, daß sie mit ihrer zeitbegrenzten Belagerung (von 7 Uhr abends bis 3 Uhr früh) einen Bumerang in die Gegend geworfen hatten.

Hunderte von Neugierigen und Schadenfrohen grölten in der kleinen Zweigstraße, während die Mädchen mit entblößtem Busen und in schwarzer Reizwäsche Ringelreihen um die Ordnungshüter tanzten. Einen Abend später schließ-HA stürmten die mittels Dauerstrip animierten Freier die Absperrungen. Die Polizei schob ab – Und ward seither nicht mehr gesehen, „Wir wollten eine blutige Schlägerei vermeiden“, erklärte Kriminaldinektor Steffi während seines Rückzuges.

Inzwischen aber hatte schon dessen Chef, der Polizeipräsident Schreiber, eine Erklärung abgegeben. die endlich einen Lichtstrahl in die bislang dunkle und weithin unverständliche Affäre warf. Man wolle, so Schreiber. nicht etwa die Prostitution in München einengen, sondern vielmehr verhindern, daß sich hier das organisierte Verbrechen festsetze. Schreiber ließ keinen Zweifel daran, daß er mit dieser konzentrierten Aktion (der erweiterte Sperrbezirk wurde auf Antrag der Polizei von der oberbayerischen Bezirksregierung verfügt) den Besitzer des Leierkasten, Willi Schütz, im Visier hatte.