Von Lew Kopelew

Der Autor dieses Beitrages, der Sowjetbürger Lew Kopelew, kennt die deutsche Geistes- und Kulturgeschichte in all ihren Aspekten und Einzelheiten so gut wie die seines eigenen Landes. Er ist ein Vermittler par excellence. Er hat Brecht und Böll ins Russische übersetzt, ist ein renommierter Goethe-Kenner und hat über Schillers Dramen und die Französische Revolution promoviert. In dem nachstehenden Beitrag, der sich insbesondere mit Rilke und dessen mystischem Verhältnis zu Rußland befaßt, gibt er zugleich einen Überblick über die Deutschen, für deren Werk seine Heimat Anregung war und Bedeutung hätte.

In Moskau erschien Ende 1971 ein Sammelband der ausgewählten Werke von Rainer Maria Rilke. In diesem Buch sind besonders Werke und Briefe des Dichters enthalten, in denen er seine Ansichten über die Kunst darlegt, direkt oder Ansichten Es sind die zwei großen monographischen Essays „Worpswede“ und „Auguste Rodin“, Briefe über und an Auguste Rodin, Briefe an Freunde und Bekannte über Paris, über Paul Freunde Gedichte verschiedener Perioden.

Die Rilke-Ausgabe in der Sowjetunion kommt nicht von ungefähr. Ihr letzter Teil – etwa ein Viertel des Buches – ist Rilkes Beziehungen zu Rußland gewidmet. Den Auftakt gibt eine ausführliche Abhandlung der jungen Leningrader Forscher Asadowski und Tschertkowa unter dem Titel „Rilkes russische Beziehungen“. Es folgen ein Aufsatz von Rilke über russische Kunst; Erzählungen nach Motiven der russischen Folklore; einige seiner in russischer Sprache verfaßten Gedichte; Erinnerungen des Malers Leonid Pasternak (des Vaters von Boris Pasternak). Das Buch schließt mit dem poetischen Essay „Klagender Himmel“ von Mikuschewitsch (einem der Nachdichter), der das wissenschaftlich gehaltene Vorwort durch Betrachtungen über einige Besonderheiten der philosophischen und ästhetischen Weltsicht Rilkes ergänzt.

Rilkes Beziehungen zu Rußland waren so eng wie die keines anderen westlichen Schriftstellers seiner Zeit.

„Rilkes sittlich-religiöse und künstlerische Weltauffassung zog ihn unwiderstehlich zu Rußland hin – dort hatte er, wie ihm schien, jene Unversehrtheit gefunden, die der westeuropäischen Zivilisation schon längst abhanden gekommen war“, schreibt I. D. Roshanski.

Rilke besuchte Rußland und die Ukraine zweimal; 1899 für zwei Monate, 1900 für vier Monate. Er lernte Russisch, las im Original Puschkin, Lermontow, Gogol, Tjutschew, Turgenjew, Fet, Nekrassow, Tolstoi, Dostojewski, Tschechow. Er übersetzte aus dem Russischen Gedichte und Prosa und schrieb selber einige Gedichte in russischer Sprache. Trotz mancher Verstöße gegen das Lexikon und die Grammatik sind diese Gedichte ungewöhnlich poetisch. Asadowski und Tschertkow haben den überzeugenden Beweis einer organischen Verbundenheit dieser Gedichte mit Rilkes gesamtem Schaffen erbracht.