Von Hans-Klaus Jungheinrich

Am 4. Dezember 1968, mitten in der Zeit der Studentenbewegung, scheiterte die Uraufführung von Henzes Oratorium „Das Floß der Medusa“. Jugendliche Demonstranten wollten die Wiedergabe des Che Guevara gewidmeten Werkes in Hamburgs Planten un Blomen selbst zur Demonstration gestalten und erreichten durch die Befestigung der roten Fahne auf dem Dirigentenpodium nicht nur, daß die Mitwirkenden sich plötzlich von Kunstbeamten zu unfreiwilligen Bekennern verwandelt sahen (ja, wozu bekannten sie sich da? Dazu: „Weg mit der roten Fahne, wir sind aus Berlin!“ – so der Rias-Chor), sondern auch, daß die Polizei erstmals eine notstandspraktikable „Rüstung“ im Saalkampf mit so gefährlichen Individuen wie dem Dichter und „Medusa“-Librettisten Ernst Schnabel ausprobierte. Kein Ton konnte mehr erklingen; die Uraufführung war geplatzt. Jahrelang stritt sich der Komponist mit dem NDR, dem Auftraggeber des „Oratorio volgare e militare“, um das Honorar. Erst kürzlich hat er es bekommen.

„Das Floß der Medusa“ war seither nur ein einziges Mal aufgeführt worden, im Januar 1971 in Wien. Nun war es das Opernhaus Nürnberg, das sich des abgekühlten Eisens annahm und, wie zu erwarten, eine störungsfreie Premiere damit feiern konnte. Werk und Wiedergabe ließen sich vom ruhigen Seegang freundlicher Toleranz tragen. Die Floskel „langanhaltender, herzlicher Applaus“ will in diesem Zusammenhang fast etwas wehmütig stimmen. Und da das Stück mit seinen„Divina-commedia“- und Pascal-Zitaten, seinem Riesenchor- und -orchesteraufgebot zudem dramaturgisch und musikalisch komplex und artifiziell angelegt ist, entfaltet es auch ungestört seinen Kunstcharakter. Da läßt sich der agitatorische Aufruf des „Ho-ho-ho-Tschi-Minh“-Schlußrnythmus, ein die individuelle Kunstsprache transzendierendes Klangsymbol, womöglich überhören.

Obgleich ursprünglich konzertant konzipiert, drängt das Stück zur Szene. Die historische Begebenheit vom Schiffbruch der „Medusa“, dem brutalen Rettungsmanöver der oberen Ränge, die die unteren ihrem Schicksal überlassen und auch nach der eigenen Bergung das Floß der Verzweifelten niemals suchen lassen, dieser Stoff ist beredter, pathetischer Gesang vom Untergang, aber auch scharfe Anklage. Die beißende Ironie der Epauletten-Charakterisierung folgt den Hauptmann- und Doktorszenen aus Bergs „Wozzek“.

Ansonsten hat das Stück freilich nicht viel pralle Opernwirklichkeit. Die Figur des Mulatten Jean-Charles (Barry Hanner) ist Inkarnation der Elenden auf dem Floß, ohne psychologisches Relief einer kompletten Bühnenfigur, und der Erzähler Charon (Hans-Herbert Fiedler) nebst der Dame La Mort (Ursula Rhein) sind vollends Allegorien.

Daß derlei auf der Opernbühne legitim ist, weiß man spätestens seit Strawinskys „Oedipus Rex“ und Honeggers szenischen Oratorien. Ihnen steht die ästhetische Façon des „Floßes der Medusa“ denn auch nahe. Daß sie ein sehr präzises Transportmittel politischer Aufklärung wäre, läßt sich bezweifeln. Das Werk markiert den Übergang zu Henzes neueren musikalischen und musikdramatischen Konzeptionen, ist also alles andere als ein Kompendium schon fertiger marxistischer Ästhetik.

Die Szene kann die politischen Intentionen mildern und intensivieren. Der Nürnberger Regisseur Wolfgang Weber tat, ähnlich wie in seiner Inszenierung der „Intolleranza“ von Nono (Nürnberg 1970), womöglich beides zugleich. Er ließ Chöre und Solisten in den historischen Kostümen von 1816 halbrealistisch agieren und stellte durch sparsame Diaprojektionen auf den Rücksprospekt die Beziehung zu aktuellen Klassen- und Rassenkämpfen her. Peter Heyducks konstruktivistisch orientiertes Bühnenbild unterstrich das Symbolklima vor allem durch den an einen Megaphontrichter erinnernden Schacht für die Todessphäre; andererseits gab er die Möglichkeit zu einem Floß-Tableau, das ungefähr den Aufbau des berühmten Géricault-Gemäides hatte. Den Absichten der Autoren und genauerer Anklage wäre zweifellos eine Realisierung entgegengekommen, die das soziale „Oben“ und das „Unten“ hierarchisch akzentuiert hätte; so blieben die in der Musik ohnehin stark bedachten lyrischallegorischen Tendenzen überbelichtet. Der Dirigent Hans Gierster betonte seinerseits das Expressiv-Rhetorische der Henzeschen Musik.

Gab das „Floß der Medusa“ in Nürnberg schon keinen Anlaß zu großen politischen Kontroversen, so war es doch wenigstens der Auftakt zu einer kleinen kulturpolitischen Maßnahme: Die öffentliche Generalprobe, einen Tag vor der Premiere, fand zum Nulltarif statt. Das Haus war brechend voll. Anschließend diskutierten vor allem Schüler und Studenten noch lange mit Henze und Schnabel.