Türkische Tragödie: Parlament und Militär im Widerstreit / Von Nina Grunenberg

Ankara-, im April

Nihat Erim, der türkische Premier, sorgte am Donnerstag voriger Woche für den Clou des Cocktails im Kent-Hotel. Alles, was in Ankara in ist, war von der halboffziellen Nachrichtenagentur Anadolu Agence zur Feier ihres 52jährigen Bestehens eingeladen worden: Mitglieder des Kabinetts, hohe Beamte aus den Ministerien, das Diplomatische Corps und Journalisten – ein Berufsstand, der es zur Zeit schwer hat in der Türkei.

"Es scheint so", sagte ich zu Nihat Erims Informationsminister, "daß jeder Journalist, der etwas auf sich hält, schon einmal im Gefängnis gesessen hat." Der Minister, seinem Aussehen nach ein Ladykiller, stimmte gutgelaunt zu: "Ich habe unter Menderes auch gesessen. Aber", so fügte er dann mit Entschiedenheit hinzu, "wenn wir den Journalisten wirklich ernsthaft etwas tun wollten, dann brauchten wir doch nur die Papierpreise zu erhöhen."

Kurz darauf wurde er zum Telephon gerufen. Verteidigungsminister Ferit Melen eilte hinter ihm her. Als sie zurückkehrten, hatten sie keinen Anlaß mehr, die Gerüchte, die seit Tagen durch Ankara schwirrten, noch zu dementieren: Nihat Erim hatte ihnen am Telephon bestätigt, er sei fest entschlossen, zurückzutreten. Diesmal sei es keine leere Drohung.

Der Clou war nur der Zeitpunkt. Der sowjetische Staatsgast Nicolai Podgorny war noch nicht außer Landes, vielmehr hatte er erst am Nachmittag Ankara verlassen, um an der ägäischen Küste der Türkei zum geselligen Teil seiner Visite überzugehen. Nihat Erim, so schien es, hatte wirklich im Zustand "äußerster Erschöpfung" gehandelt, sonst hätte er doch wenigstens bis Montag, dem Abreisetag des Gastes, gewartet.

Die türkische Staatskrise hat mit Erims Rücktritt einen neuen Höhepunkt erreicht. Begonnen hätte sie vor einem Jahr. Am 12. März 1971 überraschten die Oberbefehlshaber der Streitkräfte die Politiker mit einem Memorandum, das an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig ließ. Sie klagten sie der Unfähigkeit an, forderten zum Kampf gegen die Anarchisten in den großen Städten und an den Universitäten auf und kündigten gleichzeitig ein umfangreiches Reformprogramm an. Sie beriefen sich ausdrücklich auf Atatürk, den Gründer der modernen Türkei. Die Reformen, mit denen er begonnen hatte – und die seit seinem Tode immer mehr versandet sind – sollten endlich weiter vorangetrieben werden. Als ihren Mann präsentierten die Generale Professor Erim, einen Verfassungsrechtler, an dessen Integrität kein Zweifel war. Er bildete ein Kabinett, dessen Kern elf Technokraten waren –, keiner Partei zugehörig, aber tüchtige Fachleute.