Von Sepp Binder

Zwischen dem Westerländer Wellenbad und der Kurverwaltung strahlt von einem Bungalow am Sylter Sandstrand nachts noch immer die Leuchtschrift „Hausbau Bense“. Ein großes Messingschild neben der Haustür wirbt für „Atlantis – Verkauf und Beratung“. Im Schaukasten hängen Angebote „für verwöhnteste Ansprüche“ – „Appartement direkt an der See!“

Atlantis aber ist auf Sylt zum zweitenmal untergegangen. Der 28stöckige Betonsilo mit 750 Appartements und 3000 Ferienbetten wird nicht gebaut; das 100-Millionen-Projekt ist am Widerstand der Inselbevölkerung und am Nein des schleswig-holsteinischen Innenministers, Rudolf Titzck, gescheitert. Der Westerländer Bebauungsplan Nummer 25 ist Makulatur.

„Unser Ablehnungsbescheid an die Stadt Westerland“, so sagt Innenminister Titzck, „gründet sich auf die Gefahren für den Umweltschutz, die mangelnde Verkehrserschließung und die drohende Überbelastung des Sylter Naturraums.“ Sylt droht schon heute an seinem Fremdenverkehr zu ersticken. Atlantis aber hätte für die nördlichste und reizvollste deutsche Nordseeinsel das Aus im Touristikgeschäft bedeuten können.

Im Sommer drängen sich zwischen Hörnum und List die Autos Stoßstange an Stoßstange. Über den Hindenburgdamm zwischen Niebüll und Westerland rollen täglich Deutschlands lukrativste Autofähren durch das Wattenmeer: Die Bundesbahn erwog deshalb schon des öfteren den Bau einer zweiten Streckenführung. Der für Kurorte auf 35 Dezibel begrenzte Schallpegel liegt in Westerland zwischen siebzig und achtzig Dezibel; Bewohner des Kurzentrums sind bereits in den Verein für Lärmgeschädigte eingetreten. Der Bleigehalt der Luft erreicht im „Luftkurort“ Westerland zwischen Juli und August bis zu 45 Prozent die Meßwerte von Gelsenkirchen. Die Sylter Rundschau, fragte deshalb besorgt: „Droht Westerland die Aberkennung als Heilbad?“

Der Exitus aber droht Sylt durch den Bauwirrwarr der Inselgemeinden. Gemeinsame Planung ist den Bürgermeistern ein Fremdwort; jeder konkurriert gegen jeden. Kampen bildet da die einsame Ausnahme. „Wie ist das bloß möglich“, schimpft der Keitumer Tierarzt und Amtsvorsteher, Claus Andersen, „daß die Sylter Gemeinden mit offenen Augen in ihr Verderben rennen? Die Wachstumssucht ist heller Wahnsinn.“ Im vorigen Jahr stieg zwar der Autoverkehr um über zehn Prozent, für die Vermieter aber sank die durchschnittliche Saisondauer bereits auf sechs Übernachtungen pro Bett. Grund: Überall schießen Appartementhäuser zwischen Dünen, Kliff und Heide aus dem Boden, Spekulanten durchstreifen täglich die Insel auf der Suche nach neuen Bauplätzen – die Bodenpreise haben sich auf Hamburger City-Kurse eingependelt.

Bei ihren Planungen mit der Stuttgarter Baufirma Bense hatte Westerland sich bereits in Vorverhandlungen auf den Abschluß von Verträgen festgelegt, weil Bense eine Zehn-Millionen-Beteiligung am Bau eines neuen Kurhauses für die hochverschuldete Stadt versprach. Der Unmut der Bevölkerung wuchs deshalb zum energischen Widerstand an. Die „Bürgerinitiative Appartement-Baustopp“ sammelte mehr als 17 000 Unterschriften, ließ Gutachten erstellen und wies nach, daß für den Atlantis-Bau die rechtlichen Voraussetzungen fehlten: Die Pläne stützten sich auf einen Flächennutzungsplan, der das Baugelände als „Mischgebiet“ mit Erholungsflächen auswies. „Der Bebauungsplan verstieß gegen das Bundesbaugesetz“, so Innenminister Titzck, „wonach die wirtschaftlichen Individualinteressen mit den Interessen der Allgemeinheit gegeneinander gerecht abzuwägen sind.“

Trotzdem mußte die Stadt Westerland im März die Verträge gegen den Willen fast aller Inselbewohner und vieler Kurgäste beschließen. Die Stadtväter hatten sich im juristischen Planungsgestrüpp hoffnungslos verfranst, Planungsrichtwerte außer acht gelassen, Warnungen in den Wind geschlagen. Nur die Ablehnung in Kiel konnte die Stadt vor Regreßansprüchen retten.

Klara Enns, Vorsitzende der Bürgerinitiative, sieht in ihrer politischen Mobilisierungskampagne einen „Sieg für die Demokratie“. Der Untergang von Atlantis war nur ein Signal. Claus Andersen hofft auf eine „Veränderungssperre“ als die einzige Möglichkeit, die Zersiedlung der Insel vorerst zu stoppen. Notwendig allerdings ist auch ein Planungsverband aller Inselgemeinden. Die Planungshoheit – wesentlicher Bestandteil der kommunalen Selbstverwaltung – wurde auf Sylt bislang nur benutzt, um ein landschaftliches Selbstmordprogramm zu planen.