Von Theo Sommer

Auf griechisch heißt mangas der Schelm, mangaki der Erzschelm. Aber die Affäre Mangakis ist mehr als ein Schelmenstück: eine handfeste levantinische Gaunerei. Wer der Gauner war, läßt sich noch nicht eindeutig sagen. Kein Zweifel besteht jedoch, daß die Bundesregierung der Angeschmierte ist.

Dabei wäre es böswillig, den Bonnern einen willkürlichen Eingriff in die inneren Verhältnisse Griechenlands vorzuwerfen, gar ein Kommandounternehmen in der Manier des Mussolini-Befreiers Skorzeny. Der Juraprofessor Georgios Mangakis ist nicht handstreichartig von einer Bundeswehrmaschine aus Athen entführt worden. Seine Verbringung in die Bundesrepublik war kein Gangsterstück, sondern ein bis in die Einzelheiten mit dem griechischen Ministerpräsidenten Papadopoulos abgesprochene Aktion, die im übrigen ohne Mitwissen und Mitwirken der Amerikaner nicht möglich gewesen wäre.

Auf deutscher Seite kreuzten sich dabei am Anfang zwei ganz verschiedene Impulse: der humanitäre und der strategische. Den humanitären gab es in allen Lagern der bundesdeutschen Politik zumal bei Mangakis’ ehemaligem Freiburger Kollegen, dem SPD-Kanzleramtsminister Horst Ehmke, und dem Stuttgarter CDU-Kultusminister Hahn; die strategischen Aspekte vertrat – nicht ohne sanftes Drängen der um ihre Südflanke besorgten Nato – das Bundesministerium für Verteidigung.

Diese Doppelung der Motive erklärt, weshalb Hahn während seines Sommerurlaubs im vorigen Jahr die ersten Gespräche über den prominenten Häftling Mangakis führte und ihm im Frühjahr eine Berufung nach Heidelberg ins Gefängnis schickte. Sie erklärt auch, warum Helmut Schmidts Staatssekretär Mommsen Ende 1971 im Gespräch mit Papadopoulos die Möglichkeit, die 1968 gestoppte Militärhilfe wiederaufzunehmen, ausdrücklich mit dem allgemeinen Problem der politischen Häftlinge und dem speziellen Fall Mangakis verknüpfte. Papadopoulos, so scheint es, versprach damals, bei der ersten Gelegenheit das Verständnis seiner Regierung zu bekunden.

Der Unterredung wohnte der deutsche Botschafter Limbourg bei, wie es sich nach dem Protokoll gehört. Er war es auch, der dann die endgültigen Absprachen mit dem griechischen Premier traf. Danach sollte die Familie einen Antrag auf Haftaussetzung für den zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilten Widerstandsmann stellen; Mangakis könne anschließend sofort ausreisen. Die Details der Ausreise wurden ebenfalls besprochen – auch zwischen Papadopoulos und dem US-Botschafter Tasca, von dem offenbar die Anregung stammt, den Professor vom amerikanischen Teil des Athener Flughafens abreisen zu lassen, um unnötige Formalitäten zu umgehen und jegliches Aufsehen zu vermeiden.

Zweimal flog im März ein Bundeswehr-Jet vergeblich nach Athen, um Mangakis abzuholen: der Häftling war noch nicht entlassen. Aber am Sonnabend voriger Woche klappte es. Das Entlassungsdokument enthielt nicht das übliche Ausreiseverbot. Binnen weniger Stunden stieg Mangakis ins Taxi zum Flughafen. Dort allerdings gab es im letzten Augenblick einen Haken: eine griechische Dienststelle, offenbar uninformiert, legte sich quer. Daraufhin eilte Botschafter Limbourg, von Günter Grass kurz zuvor der Schlappheit geziehen, persönlich auf den Flughafen, um die Schwierigkeiten auszuräumen. Dies gelang ihm.

Am folgenden Tage vermeldete das Papadopoulos-Zentralorgan Eleftheros Kosmos, Mangakis sei aus Gründen der allgemeinen Staatsräson die Ausreise gestattet worden. Erst am Montag dieser Woche brach der Eklat los: als der stellvertretende Ministerpräsident Pattakos, unter vorschriftswidriger Umgehung des Presseamtes, eine Erklärung an die Zeitungen schickte, der Fall Mangakis sei ein ausgesprochenes Gangsterstück. Kurz danach verlangte die griechische Regierung, daß Botschafter Limbourg abberufen werde.

Was war geschehen? In Bonn sind verschiedene Versionen im Schwang:

Erstens: Papadopoulos habe einen Alleingang unternommen; als er ruchbar wurde, habe der uneingeweihte und daher gekränkte Pattakos zugeschlagen, um Papadopoulos eins auszuwischen.

Zweitens: Papadopoulos habe die Aktion von vornherein in der Absicht inszeniert, Bonn hereinzulegen.

Drittens: Papadopoulos habe die eher gezügelte Erklärung von Mangakis nach seiner Ankunft in Deutschland zum willkommenen Vorwand genommen, sein Versprechen nicht erfüllen zu müssen, in einer Teilamnestie alle Häftlinge freizulassen, die wegen rein politischer Betätigung verurteilt sind – rund 120.

Viertens: Das Eingreifen des deutschen Botschafters am Flughafen habe der Affäre zu großes Gewicht gegeben, deswegen habe das Regime handeln müssen.

So oder so, eines ist wohl sicher: Bonn ist das Opfer der griechischen Innenpolitik geworden. Die stillschweigende Geschäftsgrundlage des Handels – abermalige Militärhilfe gegen die Amnestierung von 120 Eingekerkerten – ist damit fürs erste hinfällig geworden.

Der Bundesregierung darf wegen des Versuchs kein Vorwurf gemacht werden. Wenn andere Bundesregierungen vor ihr Häftlinge aus DDR-Gefängnissen freigekauft haben, braucht sie wegen eines ähnlichen Unternehmens keine Schelte einzustecken – ungeachtet aller Ungeschicklichkeiten und Pannen.