Von Wolfgang Müller-Haeseler

So entscheiden! ist dieser Termin auch nicht“, ließ Karl Schiller wissen und sagte das für vergangenen Freitag geplante Gespräch mit Ruhr-Bossen und Gewerkschaftlern über die drängende Sanierung der angeschlagenen Ruhrkohle AG kurzerhand ab. Statt dessen bummelte der Doppelminister gemeinsam mit dem stellvertretenden sowjetischen Ministerpräsidenten Nowikow, an der Spitze eines Journalisten-Pulks über die Hannover-Messe. Nach einem neuen Termin für die ausgefallene „Konzertierte Kohle-Aktion“, bei der über die Hilfsaktion zugunsten der Einheitsgesellschaft endgültig entschieden werden sollte, fragten Schillers Verhandlungspartner vergebens.

Nicht zum erstenmal erweckte Karl Schiller den Eindruck, als entziehe er sich der Sorgepflicht für sein ungeliebtes Kind. Denn er selbst war es gewesen, der 1968 die Zusammenfassung von 28 Bergbauunternehmen mit 63 Schachtanlagen zur Ruhrkohle AG intensiv betrieben hatte. Doch Schillers Kind kam mit – wie sich sehr bald zeigen sollte – entscheidenden Geburtsfehlern auf die Welt.

Die Geburtsfehler: alle Grundstücke, die lukrativen Wohnungen und auch die Kraftwerke verblieben den Altgesellschaften. Dazu mußte die Ruhrkohle AG nicht nur alle alten Verträge übernehmen, sowohl die mit den Hütten als auch die mit dem Ausland; sie war auch gezwungen, praktisch das gesamte Personal der Altgesellschaften weiterzubeschäftigen. Der Einheitsgesellschaft wurde-dazu eine gehörige Schuldenlast aufgebürdet. Den Unterschied zwischen den eingebrachten Forderungen und den Schulden soll sie in 20. Jahresraten tilgen und in der Zwischenzeit mit sechs Prozent verzinsen.

Sicher, der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen verbürgen diese sogenannten „Einbringungsforderungen“, doch auch die nichtverbürgten Zinsen und die übrigen Verpflichtungen reichen aus, um die Ruhrkohle AG ständig am Rande der Pleite operieren zu lassen. So muß sie Pensionsverpflichtungen für 250 000 ehemalige Bergleute aufbringen, die heute von nur noch 180 000 aktiven Kumpel erwirtschaftet werden müssen; sie muß ferner für die Hausbrand-Deputate einstehen und für alte Bergschäden aufkommen.

Schillers Hoffnung, mit der Gründung der Einheitsgesellschaft alle Kohle-Sorgen los zu sein, war trügerisch. An Rhein und Ruhr hatten sich ohnehin viele gefragt, woher er den Optimismus nehme, einen Gesunden zu erwarten, wenn er einen Haufen Kranke in ein Bett lege, denen er zudem noch den größten Teil derMedizin entzieht. Denn zugleich kürzte Karl Schiller die staatlichen Subventionen von über zwei Milliarden Mark auf weniger als ein Viertel.

Nach einem Jahresverlust von 200 Millionen Mark im ersten Geschäftsjahr und einem ausgeglichenen Abschluß im zweiten, der nur möglich war, weil die Altaktionäre auf rund 700 Millionen Mark Einbringungsforderungen bedingt verzichteten, stellte sich 1971 schon wieder ein Verlust von etwa 400 Millionen Mark ein.