Von Victor Zorza

Die amerikanische Bombenstrategie in Vietnam ist Teil eines ausgeklügelten Planes, der darauf zielt, im Kreml die Falken und die Tauben gegeneinander auszuspielen, ihre Meinungsverschiedenheiten auszunützen und Moskau für eine vietnamesische Friedenslösung zu gewinnen. In der ersten Phase wurden den Sowjets verlockende Wirtschaftsangebote präsentiert, wie sie sich die Koexistenzler im Kreml schon seit vielen Jahren gewünscht haben. Dem Zuckerbrot folgte dann die Peitsche: Die Bombardierungen sollen den Sowjets klarmachen, daß erstens ohne Vietnamfrieden kein Handelsgeschäft abzuschließen ist und zweitens Amerika bereit ist, wegen der sowjetischen Waffenlieferungen an Hanoi eine Konfrontation mit der UdSSR zu riskieren.

Anfänglich hatte Washington wohl gehofft, daß die wirtschaftlichen Köder genügen würden. Amerikanische Geschäftsleute, vom Getreidehändler bis zu Computer-Herstellern, wurden angehalten, nach Moskau zu reisen. Ihre großzügigen Angebote hätten einen Heiligen in Versuchung führen können.

Mehr amerikanische Geschäftsleute haben allein 1971 Moskau besucht als in den vorangegangenen zwanzig Jahren. Sie wurden von den Moskauer „Tauben“ auch wohlwollend empfangen – vor allem von Ministerpräsident Kossygin und seinem einflußreichen Schwiegersohn Gherman Gwischiani, der die Verantwortung für sowjetische Technologie-Entwicklung trägt und besser als sonst einer weiß, wie dringend die Sowjetunion auf diesem Gebiet amerikanisches Knowhow benötigt.

Das in Aussicht gestellte amerikanisch-sowjetische Handelsabkommen wird in Moskau und Washington nicht nur als kommerzielle Vereinbarung, sondern als Grundlage für ein ganz neues Verhältnis zwischen den beiden Supermächten verstanden, als Ausgangspunkt einer neuen „Generation des Friedens“. Aus amerikanischer Sicht setzt aber das Zustandekommen eines solchen Arrangements eine Friedenslösung für Vietnam voraus.

Einige sowjetische Führer scheinen sich einer solchen Verkoppelung von Geschäft und Politik zu widersetzen. Vieles läßt darauf schließen, daß Parteichef Breschnjew, der mehr als früher an den Koexistenzflügel herangerückt ist, von den „Falken“ im sowjetischen Politbüro und Militärapparat bedrängt wird, sich nicht auf den amerikanischen Handel einzulassen.

Wie einst Chruschtschow, so droht auch Breschnjew, wenn er von den Amerikanern zu sehr unter Druck gesetzt wird, zwischen Hammer Und Amboß zu geraten. Heute weiß man, daß die Art, wie Chruschtschow seinerzeit von der Kennedy-Administration zum Rückzug seiner Raketen aus Kuba gezwungen wurde, seine Stellung gegenüber den Falken entscheidend geschwächt hat. Er hatte einen grandiosen Plan einer „Welt ohne Waffen und ohne Krieg“ entwickelt. Aber die Kreml-Falken waren der Meinung, dies sei unrealistisch und für die Sowjetunion sogar gefährlich. Für ebenso riskant halten sie heute das Gerede über eine „Generation des Friedens“. Die massive Ausweitung und Entwicklung des Ost-West-Handels, der umfangreiche Export moderner amerikanischer Technik, die Einfuhr auch von amerikanischen Konsumgütern – alles Möglichkeiten, die jetzt zur Debatte stehen – würden der Sowjetunion zweifellos handgreifliche Vorteile bringen. Sie würden aber, wie die Falken hervorheben, auch die Kontakte mit dem Westen bedenklich erweitern, die Risiken der ideologischen Unterwanderung vergrößern und Gefahren heraufbeschwören, die sich für das kommunistische System fatal auswirken könnten.

Es gibt mancherlei Anzeichen dafür, daß der Einfluß dieser harten Gruppe in der sowjetischen Bürokratie groß genug ist, um die Kreml-Führung in ihrem Sinne zu beeinflussen.