Der Fachmann wunderte sich: „Ich weiß gar nicht“, sagte der Kerntechniker zu einem Kollegen, „warum die Gegner von Atomkraftwerken es immer auf den Normalbetrieb abgesehen haben und nicht auf die Störfälle.“ Der andere Kerntechniker stimmte zu: „Ja, wenn die wüßten!“ Dann lachten die Auguren, und der eine sagte noch: „Das darf man denen natürlich nicht sagen!“

Die Szene ereignete sich auf einer Besichtifungsfahrt zum Atomkraftwerk Brunsbüttel anläßlich der Reaktortagung 1972, die Mitte April in Hamburg stattfand. Was immer die Kerntechniker gemeint haben mögen: Ihre Äußerungen sind kein „Beweis“ für irgend etwas, aber sie sind ein Hinweis darauf, daß die Atomexperten bei allen Beteuerungen, sie seien Fanatiker der Sicherheit, doch wohl einiges ausgespart lassen, wenn sie einem ängstlichen, sachunkundigen Publikum Auskunft über mögliche Risiken geben.

Das gilt um so mehr, als ja das Stichwort „Sicherheit“ im Atomwesen keineswegs nur „Reaktorsicherheit“ bedeutet, sondern Probleme einschließt wie die des Transports und der „Endlagerung“ radioaktiver Abfälle sowie der Wiederaufbereitung gebrauchter Brennstäbe.

Gerade in dem letzten Punkt wird die Skepsis des Laienpublikums wieder einmal durch Nachrichten bestärkt, die jüngst aus den USA kamen. Dort stellte sich nämlich heraus, daß man über dem radioaktiven Jod 131, dem man viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt gewidmet hat, ein anderes Jod-Isotop (Jod 129) aber, das in Wiederaufarbeitungsanlagen anfällt, vernachlässigte.

Im Unterschied zu dem gefährlichen, nämlich stark aktiven Jod 131 ist das Jod 129 zwar von sehr viel geringerer Radioaktivität, aber während das Jod 131 mit einer Halbwertszeit von nur acht Tagen sehr kurzlebig ist, hat das Jod 129 eine Halbwertszeit von 17 Millionen Jahren. In der Natur ist dieses Isotop äußerst selten, Schätzungen sprechen von 5 Atomen Jod 129 auf 100 Millionen Atome des (nicht radioaktiven) Jod 127.

In den fünfziger Jahren ergaben Untersuchungen der Schilddrüsen von Rindern und Menschen sowie von Algen-Proben ein erhebliches Ansteigen der Jod-129-Gehalte in den USA. Man führte das zunächst auf die Kernwaffentests zurück; dagegen spricht aber, daß der Anteil um 1960 schon wieder merklich zurückgegangen war. Wären die Tests die Quelle gewesen, so hätten die Jod-Messungen zumindest noch bis 1963, dem Ende der Versuche, ansteigende Werte ergeben müssen. Es mußte also noch andere Quellen für das radioaktive Jod geben. Diese Quellen waren die militärischen Wiederaufarbeitungsanlagen in Richland (Washington) und in Savannah River (South Carolina).

In den Wiederaufarbeitungsanlagen (in der Bundesrepublik besteht eine solche Anlage beim Karlsruher Kernforschungszentrum) werden die abgebrannten Brennstäbe der Kernreaktoren von Plutonium und anderen Spaltprodukten neuen bert, und das verbleibende Uran wird zu neuen Brennelementen verarbeitet. Bei militärischen Anlagen ist die Plutonium-Gewinnung der eigentliche Zweck des Reaktorbetriebes; die im Reaktor anfallende Wärme ist ein Abfallprodukt und bleibt ungenutzt. Bei den zivilen Anlagen ist es umgekehrt: Der Zweck ist die Wärmeerzeugung im Reaktor, das bei der Wiederaufarbeitung anfallende Plutonium ist (zunächst jedenfalls) ein Abfallprodukt.