Dänische Journalisten haben vor kurzem eine Breitseite gegen die Sexkontrolle bei der Olympiade in München abgefeuert, die aber am Ziel weit vorbeiging. Sie warfen den deutschen Veranstaltern vor, daß die diesmal praktizierte Methode fatal an gewisse Vorgänge aus der Zeit des sogenannten Dritten Reiches erinnere. Die berühmte Sorgfaltspflicht wurde von den dänischen Kollegen dabei stark vernachlässigt. Offenbar wußten sie nicht einmal, daß die Geschlechtskontrolle in München auf Beschluß der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) vom 3. Februar 1972 in Sapporo vorgenommen wird. In diesem Gremium von Ärzten sitzen eine Reihe distinguierter Herren aus den verschiedensten Ländern, darunter auch eine Dame aus der Sowjetunion, aber kein Vertreter aus der Bundesrepublik.

Was erregte nun solchen Anstoß bei den allzu kritischen Dänen? Im Gegensatz zu der Sexkontrolle in Mexico City, wo das Untersuchungsmaterial von der Mundschleimhaut in Form von Epithelzellen entnommen wurde, müssen diesmal die Olympiateilnehmerinnen ein Haar für die Halbgötter in Weiß opfern. Diesmal wird nämlich die Untersuchung an Zellen der Kopfhaarwurzeln durchgeführt. Diese Methode geriet nun auch schon wieder in ein schwaches Feuer der Kritik, ein englischer Professor bezeichnete sie nämlich als nicht sicher. Dr. Käfer, der medizinische Fachberater des Organisationskomitees, der sich mit diesem Problem intensiv beschäftigt hat, weist dagegen auf die vielen Experten hin, welchen den Haarwurzeltest als zuverlässig bezeichnen.

Im einzelnen wird folgendermaßen vorgegangen: Der Inhalt von Zellen der Kopfhaarwurzel wird mikroskopisch durch eine Färbung auf den Chromatingehalt des X-Chromosoms untersucht. Außerdem wird durch ein Fluoreszenzverfahren geprüft, ob Y-Chromosomen vorhanden sind. Jede sich teilende menschliche Zelle besitzt 46 Chromosomenpaare – früher glaubte man sogar, es seien 48 –, davon sind zwei Geschlechtschromosomen. An oder in den Chromosomen (Kernfäden) sind die Gene als Erbträger lokalisiert. Es werden X- und Y-Chromosomen unterschieden, die wiederum verschiedene Formen aufweisen. Die Frau besitzt zwei X-Chromosomen, der Mann ein X- und ein Y-Chromosom. Auf dieser Erkenntnis beruht der Sextest, der zur Geschlechtskontrolle dient.

Untersucht werden Zellen, die sich rasch erneuern, wie eben jene der Kopfhaarwurzeln oder die Epithelzellen der Mundschleimhaut oder die weißen Blutkörperchen. Die Frau zeigt hier stärker ausgeprägte keulenförmige Ausstülpungen am Zellkern, die wegen ihrer charakteristischen Form Drumsticks – Trommelschlegel genannt werden. Dadurch lassen sich männliche und weibliche weiße Blutzellen voneinander differenzieren und somit das Geschlecht bestimmen.

Da aber nun diese Methode ziemlich zeitraubend ist, noch länger dauert die sogenannte Chromosomenanalyse, ist man im Sport zu relativ rasch durchführbaren Verfahren übergegangen, wie sie eben die Färbung des Chromatinkörperchens, in dem man das zurückgebildete zweite X-Chromosom sieht, darstellt. Zwei X-Chromosomen besitzt aber nur die Frau, womit der Geschlechtsnachweis erbracht ist. Für die Untersuchung der Zellen der Kopfhaarwurzeln wurden nur zwei Stunden veranschlagt.

Warum nun diese ganze Prozedur, von der die Herren aus Dänemark wähnten, sie verletze die Würde des Menschen? Beim Hochleistungssport der Frauen sind schon in den dreißiger Jahren sogenannte Intersexe aufgetaucht, die unter der Bezeichnung Hermaphroditen bekannter sind. Diese meist unglücklichen Wesen – im Sport sind es nur ganz bestimmte Typen, vor allem der männliche Scheinzwitter – haben dank einer maskulinen Sexualhormonproduktion eine männlich geprägte Muskelzelle beziehungsweise Muskulatur und dadurch einen Vorteil gegenüber ihren weiblichen Konkurrenten, die nur XX-Chromosomen besitzen. Durch den Nachweis eines Y-Chromosoms können die Hermaphroditen auch „entlarvt“ und ausgeschaltet werden.

Die Medizinische Kommission des IOC hat sich wegen der geringeren Belästigung nun für die Haarwurzelmethode entschlossen, bei der gegenüber dem Abstrich der Mundschleimhaut auch die Gefahr der Beimengung von Bakterien nicht besteht.