Von Horst-Wolfgang Bremke

Der Monat Mai wird mit seinen zahlreichen Feiertagen den Unfallkrankenhäusern wieder Hochkonjunktur bringen. Denn Ferienwochen und Feiertage verwandeln unsere Straßen immer wieder in Schlachtfelder.

Statistiker haben errechnet, daß alle 27 Minuten ein Mensch auf westdeutschen Straßen sein Leben läßt, darunter alle vier Stunden ein Kind. In der Statistik über Todesursachen rangieren Verkehrsunfälle an fünfter Stelle. Die absoluten Zahlen steigen: 1955 waren es 12 791 Tote, 1960 schon 14 406 und 1970 bereits 19 123.

Außer menschlicher Tragik bringen fast 20 000 Verkehrstote im Jahr auch gesamtwirtschaftlich kaum abzuschätzende Verluste. Die Ausbildung des Herzchirurgen zum Beispiel, der bei einem Unfall sein Leben läßt, hat Eltern und Allgemeinheit eine hohe Summe gekostet. Amerikanische Bildungspolitiker beziffern die volkswirtschaftlichen Investitionen eines vierjährigen Collegebesuches auf rund 100 000 Dollar. Ein deutsches Hochschulstudium in der Medizin wird auf 200(000 bis 250 000 Mark veranschlagt. Hinzu kommt die Ausbildung zum Spezialisten.

Der Arzt läßt Witwe und Kinder zurück, die möglicherweise noch viele Jahre an dem zu erwartenden hohen Einkommen partizipiert hätten, nun aber vom Staat unterstützt werden müssen. Gar nicht zu ermessen sind die vielen Fälle, in denen der Chirurg noch hätte Leben von Menschen retten können, die ihrerseits wichtige Glieder der Volkswirtschaft sind. So potenziert sich der Schaden, ohne je exakt festgestellt werden zu können.

Experten und Statistiker haben versucht, das wirtschaftliche Problem der Verkehrstragödie in Zahlen zu fassen. Das soziologische Institut der Freien Universität Berlin beispielsweise legte Ende 1969 eine umfangreiche Analyse vor. Endergebnis: Acht oder sogar zehn Milliarden Mark kosten uns die Autounfälle eines Jahres einschließlich der Folgekosten. (Auf neun bis zehn Kraftfahrzeuge entfällt ein Unfall jährlich.)

Der Anteil der Erwerbstätigen bei Verkehrsunfällen betrug 1964 rund 68 Prozent und wird sich in der Zwischenzeit kaum verringert haben. Die Verletzten waren durchschnittlich 36 Tage arbeitsunfähig. Bis 1967 schätzen die Soziologen die Zahl der durch Unfälle an Dauerschäden leidenden bundesdeutschen Arbeitnehmer auf rund 100 000. Der Verlust daraus erreicht im Jahr rund 4,5 Milliarden Mark.