Viele kinderreiche Familien können sich keinen Urlaub leisten

Von Ferdinand Ranft

Ungläubiges Staunen ruft eine weithin unbekannte Tatsache bei ihrer Veröffentlichung immer wieder hervor: In der Bundesrepublik hat von den 2,2 Millionen Familien mit drei und mehr Kindern bisher rund die Hälfte noch niemals einen gemeinsamen Urlaub gemacht. So jedenfalls war es im letzten Familienbericht der Bundesregierung zu lesen.

Der schöne Schein, wir seien ein Volk von Urlaubern geworden, trügt also. Es bedarf ja auch keiner großen Rechenkünste, um nachzuweisen, daß die gängigen Urlaubsofferten für fünf oder mehr Personen aus einem Portemonnaie nicht zu bestreiten sind. Die sogenannten „familienfreundlichen Angebote“ in den Katalogen der Reiseveranstalter haben bisher immer nur die Kleinfamilie mit einem Kind als Zielgruppe. Selbst sie kommt freilich erst dann in den Genuß der versprochenen Ermäßigungen, wenn Eltern und Kind in einem Zimmer übernachten. Ein gedankenloses Ansinnen, über das sich merkwürdigerweise bisher kaum Eltern aufgeregt haben.

Ferienkatalog aus Bonn

Nun legten in diesen Tagen das Bundesfamilienministerium und der Deutsche Fremdenverkehrsverband einen Familienferien-Katalog vor, der 170 gemeinnützige Familienferienstätten und 850 familienfreundliche Hotels und Pensionen enthält. Auf den ersten Blick ein löbliches Unterfangen. Aber ist damit den kinderreichen Familien wirklich geholfen? Der neue Ferienkatälog dokumentiert, daß die bisherigen Bemühungen des Ministeriums um den Familienurlaub in die falsche Richtung gehen.

In den Bau der gemeinnützigen Familienferienstätten hat Bonn bisher rund 90 Millionen Mark investiert. Das Ergebnis sind 13 000 Betten in Ferienhäusern und Ferienheimen von kirchlichen und karitativen Organisationen. Zum Urlaubsvergnügen mixen sie nicht selten einen ordentlichen Schuß Verbandsideologie oder geduldig zu ertragende religiöse Betreuung. Fünfzig Jahre würde es dauern – so haben Statistiker errechnet –, bis die letzte kinderreiche Familie des Jahres 1972 in einem dieser Häuser ihren Urlaub verbracht hätte.