Eine Analyse des Wahlergebnisses in Baden-Württemberg muß den unterschiedlichen Strukturen der verschiedenen Landesteile gerecht werden.

Sieht man das herausragende Ergebnis dieser Wahl, die Steigerung der Wahlbeteiligung um 9,2 Prozent gegenüber 1968, unter diesem Blickwinkel, so ergibt sich folgendes Bild: Die Steigerungsquoten sind unterschiedlich. In den industrieellen Großstädten stieg die Wahlbeteiligung um 12 Prozent. In den industriereichen Gebieten Nordwürttembergs und Nordbadens – ohne deren Zentren – beträgt die Steigerung jedoch nur noch acht Prozent; sie liegt also unter dem Landesdurchschnitt. Im fränkischen Teil Nordwürttembergs und Nordbadens und in Mittelbaden, im Gebiet zwischen Karlsruhe und Freiburg, ist sie mit rund sieben Prozent weit unterdurchschnittlich. In den übrigen Gebieten war die Steigerung durchschnittlich. In allen Teilen des Landes bis auf rund fünf Prozent wurde das Ergebnis der Bundestagswahl 1969 erreicht, das nahezu gleichmäßig 85 Prozent betrug.

Welche der bisher abstinenten Wähler konnten diesmal von den Parteien oder auch den Ereignissen mobilisiert werden? Die Analyse ergibt, daß in den Großstädten, den Landesteilen Nordbaden, Mittelbaden und den fränkischen Gebieten eine hochsignifikante Beziehung zwischen Frauenanteil und Steigerung der Wahlbeteiligung besteht. In den besonders wahlfreudigen Großstädten besteht ebenso eine Beziehung zwischen erhöhter Wahlbeteiligung und Beamtenanteilen sowie dem Anteil an Vertriebenen und Flüchtlingen und eine negative Beziehung zu dem Anteil an 18- bis 25jährigen. Aus all diesen Feststellungen und der Tatsache, daß bei Landtagswahlen in Baden-Württemberg der Abstand zwischen der Wahlbeteiligung von weiblichen und männlichen Wahlberechtigten erfahrungsgemäß fast doppelt so groß ist wie bei Bundestagswahlen, läßt sich der vorsichtige Schluß ziehen, daß Frauen bei dieser Landtagswahl vermehrt zur Wahlurne gingen.

Die Frage, welcher Partei diese Steigerung der Wahlbeteiligung zugute kam, läßt sich nicht einheitlich beantworten. Während in den Großstädten eher die CDU aus erhöhter Wahlbeteiligung zusätzliche Stimmengewinne zog, ebenso im Regierungsbezirk Südwürttemberg-Hohenzollern und den fränkischen Gebieten, hat die SPD in Nordwürttemberg ohne Stuttgart und in Mittelbaden von der erhöhten Wahlbeteiligung profitiert. In den anderen baden-württembergischen Landesteilen haben die beiden großen Parteien daraus etwa gleich starke Zuwachsraten gewonnen. Die oft aufgestellte These, daß eine Erhöhung der Wahlbeteiligung allein der CDU zugute komme, wurde somit in Baden-Württemberg nicht bestätigt.

Die unmittelbar vor der Wahl noch heiß diskutierte Frage, welche Partei die früheren NPD-Wähler aufsaugen werde, kann ebensowenig global für das Land beantwortet werden. Wie eine NPD-Hochburgen-Analyse ergab, läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit ausschließen, daß viele ehemalige NPD-Wähler Wahlenthaltung übten. In diesen Gemeinden, die 1968 einen NPD-Anteil von über 30 Prozent hatten, hatte die CDU jetzt Zugewinne von rund 25 Prozent, die SPD von etwa 15 Prozent, während die FDP Verluste aufwies wie im Landesdurchschnitt.

Aus diesen Ergebnissen in den Hochburgen kann jedoch keineswegs auf ein gleichartiges Verhalten ehemaliger NPD-Wähler im gesamten Land geschlossen werden. Eine Korrelationsanalyse läßt den Schluß zu, daß im Regierungsbezirk Südwürttemberg-Hohenzollern und in Nordwürttemberg ohne Stuttgart eher die CDU die ehemaligen NPD-Wähler auf sich zog, während die SPD in Nordbaden ohne Mannheim und Karlsruhe, in den fränkischen Gebieten, aber auch in Mittelbaden und den Großstädten zu einem größeren Teil frühere NPD-Wähler gewinnen konnte.

Die FDP-Verluste gegenüber 1968 variieren in den verschiedenen Landesteilen und den industriellen Großstädten nicht sehr stark. Lediglich in Südwürttemberg-Hohenzollern hatte die FDP stark überdurchschnittliche Verluste. In Mittelbaden, wo sie allerdings 1968 nur 9,4 Prozent der Stimmen erringen konnte, hatte sie einen Verlust von etwa 3 Prozent. Gegenüber der Bundestagswahl hat sich die FDP vor allem in den Großstädten und dem industrialisierten Nordwürttemberg mit nahezu 3 Prozent stärker verbessern können. Die Verluste der FDP im Vergleich zur Landtagswahl 1968 sind mit Ausnahme Mittelbadens überwiegend der CDU zugeflossen und in geringerem Maße der SPD.