Von Eduard Neumaier

Diese Krise kam unerwartet, ein Blitz aus dem wolkenlosen Himmel des liberalen Wahlerfolges in Baden-Württemberg. In die große Aufheiterung der Bonner Koalition geriet ein stürmischer Ausläufer, unangekündigt und deshalb um so deprimierender. Ein willkürlicher Hagelschlag aus Bissenhausen, Post Heiligenloh, irgendwo hinter Hannover, wo der freidemokratische Abgeordnete Wilhelm Helms seine Abrechnung mit der Partei hielt. Als der Hagel seine Wirkung getan hatte, befand sich die Koalition in ihrer bislang ernstesten Krise.

Sie wurde sich dessen nur langsam bewußt. Während die Opposition von Beratungsstufe zu Beratungsstufe couragierter wurde, während Präsidium, Parteivorstand, Fraktionsvorstand und dann gar die Fraktion der Union beschlossen, der Regierung Brandt das Lebenslicht auszublasen, es wenigstens zum erstenmal zu probieren, befaßte sich der sozialdemokratische Fraktionsvorstand noch damit, ob die Haushaltsberatung vielleicht doch noch vertagt werden solle oder nicht, verwarf diesen Gedanken und beschäftigte sich dann mit Details der Haushaltslesung. Daß die Opposition einen gefährlichen Anschlag plane – man nahm es zur Kenntnis mit einer Mischung aus Verblüffung, Ratlosigkeit, ungläubigem Staunen und bleiernem Zynismus, also reglos.

Die Krise begann, jene Gesetzmäßigkeit zu entwickeln, die den Akteuren ihre Rolle zuweist, das Szenarium festlegt. Das Bundeshaus wurde zur Tagungsstätte in Permanenz; Presse, Funk und Fernsehen richten sich auf Sonderschichten ein. Erklärungen vor Fraktionssälen ziehen magisch eine zischelnde Korona an.

In diesem Drehbuch war den Regierungsvertretern, gleich welcher Couleur, eher der Part der Hilflosen zugedacht. Willy Brandt, der in den letzten Jahren zum Staatsmann gewachsen ist, der in brenzligen Situationen das Kämpfen nicht verlernt hat, wies auf einmal verblüffende Ähnlichkeiten mit jenem Ludwig Erhard auf, der 1966 geistesabwesend durch die Korridore des Bundeshauses irrte, als seine Koalition geplatzt war, unfähig, auf den massiven Ansturm dessen zu reagieren, was er aus seinem guten Willen schwerlich begreifen konnte.

Im baden-württembergischen Wahlkampf hatte der Kanzler den Oppositionsführer Barzel stets mit der Formel provoziert, er müsse kommen, wenn er die Machtverhältnisse ändern wolle. Jetzt stand Brandt der Stoizismus ins Gesicht geschrieben. Herbert Wehner verkniff sich verbitterte Kommentare, denn Gegner standen diesmal auch im eigenen Lager.

In der SPD-Baracke, in den SPD-Fraktionsbüros schnappten die Funktionäre hektisch nach einlaufenden Agenturmeldungen, in denen sie Gesprächsfetzen, Tendenzandeutungen der unsicheren Kantonisten zu finden hofften. Zwischendurch Gerüchte, die eben Gelesenes wieder ins Zwielicht rückten: Helms sei wieder offen, hieß es in der Krisenchiffre, Gallus aber sicher, Kühlmann-Stumm werde weder für Barzel noch bei der Haushaltslesung für Brandt stimmen. SPD-Müller aus München versicherte, daß er zu seiner Fraktion halten werde, aber dann kursierte der Name eines bislang wenig hervorgetretenen SPD-Abgeordneten, der aus der Reserve treten, die Koalitionstreue kündigen wolle.