Von Eduard Neumaier

Daß das Geschäft mit der Krankheit auch eines sei, hat man ja schon immer geahnt. Spätestens seit der Serie des Spiegel weiß man es auch. Es ist, allem Anschein nach, eine sorgfältig recherchierte Geschichte, was unfreiwillig die Reaktionen der Ärzteschaft zu erkennen geben. Der Patient, dies jetzt bekannte Wesen, wird mit Reaktionen überrascht, die die Gewißheit vermitteln, daß da zwar ein Denkmal geschändet worden sei, daß aber die Schändung Anlaß hatte.

Wie immer, wenn die massive Kraft wahrer Erkenntnisse einwirkt, stellt die betroffene Ärzteschaft hier den tausend Details, die zusammen schlimme Wahrheiten ergeben, ein einziges Verdikt entgegen, mit dem man sich üblicherweise die sachliche Auseinandersetzung erspart: Das alles sei verzerrt, grob fahrlässig, vertrauenzerstörend, ein Machwerk bösartiger Journaille, schlimmer noch, es geschehe im Dienste einer kollektivistischen Ideologie. Dem finsteren Zahlen- und Faktenwerk des Magazins sucht man durch strahlende Unschuld zu begegnen.

Im Gefolge dieser Auseinandersetzung spaltet sich selbst die betroffene Patientenschaft: Da fast jeder seine eigenen Erfahrungen mit Ärzten hat, wird seine Meinung von seinen Erfahrungen geprägt. Es gibt Verteidiger der Ärzte, die von aufopferungsvollen Notreichungen berichten, andere, die sich im Stich gelassen fühlten, Einzelerlebnisse werden einfach multipliziert und aufs Ganze übertragen. Gemeinsam ist freilich eine gewisse Empörung über die anscheinend exorbitanten Verdienstmöglichkeiten, die das Gesundheitsgewerbe seinen Mitgliedern bietet. Da wird kleinbürgerlicher Neid geboren, und Neid ist schon immer ein treffliches Vehikel für allerlei Forderungen gewesen, in diesem Falle für die Forderung, das ganze Gesundheitssystem zu überdenken.

Unter den vielen Ärgernissen, die die Spiegel-Serie bereitete, ist freilich eines, das wichtiger erscheint als die Höhe der Einkommen niedergelassener Ärzte, wichtiger als die Dauer des Ärzteurlaubs, die wahrscheinlich nur gelegentliche Verweigerung nächtlicher Hilfe. Und dieses Ärgernis kann man im Begriff „Das Krankenhaus und die Chefärzte“ zusammenfassen.

Man muß sich dies vorstellen: Ein größeres Unternehmen, dessen angestellter Manager ein geringes Mindestgehalt, als Ausgleich aber einen Teil der betrieblichen Produktionskapazität zugewiesen bekäme, indem er unter Mithilfe der vom Betrieb angestellten Abteilungsleiter, des Personals, vom Betrieb gestellter Geräte das gleiche Produkt herstellt und auf eigene Kasse verkauft – zu einem Mehrfachen des Preises, der vom eigentlichen Unternehmen verlangt wird. Absatzschwierigkeiten gibt es nicht, weil der Markt so aufgeteilt ist, daß die Privatfabrik in der Fabrik voll ausgelastet ist. Von seinen Erträgnissen gibt dieser Manager, sagen wir, ein Fünftel an das Unternehmen ab, das davon wiederum die anfallenden Betriebskosten zu begleichen versucht.

Lächerlich? Das gibt es nicht? Ersetzt man das Wort Betrieb durch Krankenhaus, Manager durch Chefarzt, dann ist die Wirklichkeit getroffen, das Absurde Realität, das undenkbar Scheinende sogar Tradition.