In jenem Jahrzehnt, da Böll ein Praeceptor Germaniae wurde und doch nicht aufhörte, ein rheinischer Schelm zu sein, da der grimmige Poet Grass sich in einen politischen Kämpfer verwandelte, da Koeppen schwieg und Celan zusammenbrach, da Peter Weiß um die Synthese von Kunst und Propaganda sich vergeblich mühte und Siegfried Lenz eine Deutschstunde erteilte, der die Nation begeistert applaudierte – da blieb Max Frisch, was er schon zu sein schien, als er noch gar nicht berühmt war: ein Klassiker inmitten unserer Gegenwart.

Nicht als Wertung ist dies zu verstehen, sondern als Kennzeichnung. Nicht um Frischs Talent und Leistung geht es also, sondern vor allem um sein Temperament und seine Haltung, um die Art seiner Mentalität und Sensibilität.

Der Vergleich mit seinem schweizerischen Kollegen und heimlichen Widersacher bietet sich hier an: So aggressiv Dürrenmatt, so defensiv Frisch, so erregbar der eine, so gelassen der andere. Beide sind sie, wie es heute nicht anders sein kann, Dichter der Angst; nur daß ihr der eine mit der Grausamkeit begegnet, der andere hingegen mit der Zartheit. Auch Frisch muß natürlich provozieren, doch treiben ihn dazu nicht Lust und Leidenschaft, sondern Not und Notwendigkeit.

Nein, er ist nicht vom Geschlecht der Außenseiter, Ruhestörer und Rebellen, der Getriebenen, der Unversöhnlichen und Zerrissenen. Mit den schockierenden Amokläufern der Literatur hat er kaum etwas gemein. Er gehört eher zu den Nachkommen der betont bürgerlichen Schriftsteller, der distanzierten urbanen Humoristen und schmunzelnden Beobachter, der ironischen und meditierenden Zeugen, der leidenden Skeptiker.

Er praktiziert Moral ohne Predigt und Zeitkritik ohne Propaganda. Er demonstriert Engagiertheit ohne Gereiztheit und Protest ohne Hysterie. So wurde er zum Klassiker unter den schreibenden Zeitgenossen deutscher Sprache. Und so wurde er zum Autor, dessen Name mehr signalisiert als die Titel seiner Bücher und dessen Gesamtwerk mehr darstellt als die Summe seiner Teile. Freilich gibt es kein einzelnes Werk, das für ihn so repräsentativ wäre wie etwa "Die Blechtrommel" für Grass oder "Der Besuch der alten Dame" für Dürrenmatt. Das aber ist durchaus kein Zufall, sondern hat mit seiner Sicht- und Schreibweise zu tun.

Schon 1946 erkannte Frisch, "daß ein spätes Geschlecht, wie wir es vermutlich sind, besonders der Skizze bedarf, damit es nicht in übernommenen Vollendungen, die keine eigene Geburt mehr bedeuten, erstarrt und erstirbt".

Sein wichtigstes Drama ist nicht mehr und nicht weniger als eine genialische Bühnenskizze, die übrigens noch nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat: der Einakter "Biedermann und die Brandstifter". Seine berühmteste Parabel ("Der andorranische Jude") ist eine klassische Skizze. Seine großen Bücher der Nachkriegszeit ("Tagebuch 1946–1949" und "Stiller") erweisen sich als Sammelwerke, deren Höhepunkte gerade jene Miniaturen sind, die sich zur "Vorliebe für das Fragment" bekennen und die aus dem "Hang zum Skizzenhaften" praktische Folgerungen ziehen.