DIE ZEIT

Bonn ist doch nicht Weimar

Viel, hätte nicht gefehlt – nur zwei Stimmen –, dann wäre der 1. Mai mit seinen vielfältigen Kundgebungen zu einem Tag bürgerkriegsähnlicher Zustände geworden; dann nämlich, wenn das konstruktive Mißtrauensvotum durchgekommen wäre.

Verlogene Attacken

An Günter Nollau, dem neuernannten Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, haben zuerst die Rechten den braunen Fleck entdeckt: Er war spätes Mitglied (1942) der NSDAP, in Hitlers Partei eingetreten, weil er anders nicht als Rechtsanwalt zugelassen worden wäre.

My Lai 4

An einem Tag im März 1968, während der Tet-Offensive in Vietnam, umzingelten Soldaten einer amerikanischen Kompanie das Dorf My Lai 4, metzelten mehrere hundert Bewohner nieder und steckten ihre Häuser in Brand.

Weiter zum Gipfel

Gipfelbegegnungen von US-Präsidenten mit den Kremlführern stehen unter keinem guten Stern. Schon zweimal haben internationale Krisen die Planung des Weißen Hauses überrollt: Nach dem Abschuß eines US-Spionageflugzeuges über Sibirien platzte im Mai 1960 die Pariser Viermächtekonferenz; damals zerschlugen sich Eisenhowers Hoffnungen auf eine Kremlvisite.

Analyse der Entscheidungen

Eine Wochenzeitung hat es schwer in Krisenzeiten, wenn sich die Ereignisse überschlagen. Von Stunde zu Stunde wechseln die Stimmungen, von Tag zu Tag die Aussichten.

Wolfgang Ebert: Horror-Trio

Nixon: Unser privater Haushalt. Pat lernt in kirgisischer Tracht ukrainische Volkstänze und liest nur noch „Krieg und Frieden“, ich lese die „Dämonen“ und lerne russische Sprichwörter, kennen Sie das: Wenn ein Bauer aufs dünne Eis geht.

Staatsmann bei Stahlwerkern

Willy Brandt wollte den Wind des Vertrauens, die lindernde Brise der Solidarität spüren, und er erntete einen Sturm der Zuneigung.

ZEITSPIEGEL

Der Vorsitzende der niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion, Wilfried Hasselmann, trimmt sich jetzt mit einem Mehrzweck-Sportgerät.

Schwankend zwischen den Fronten

Gradlinige Politik, ehrenhaftes Verhalten – das waren die unbestrittenen Charakteristika des Freiherrn von Kühlmann-Stumm, die bis vor wenigen Wochen niemand bezweifelte.

FDP: nie so fest

Wir sind durch“, so beschrieb ein FDP-Abgeordneter zu Beginn der Woche die Stimmung in seiner Fraktion. Tatsächlich ist die Fraktion der Liberalen wohl noch nie so gefestigt gewesen wie jetzt.

SPD: Tiefstand überwunden

Erhard Eppler bemüht die österreichische Mentalität, wenn er das Stimmungsbild der SPD beschreiben soll. Einem Soldaten aus dem Reich, der 1916 die Stimmung zu Hause als „ernst, aber optimistisch“ beschrieb, erwiderte ein Wiener: „Ja schaun’s, bei uns ist des umkehrt.

CDU: Im Zugzwang

Viele Abgeordnete der Union befinden sich in der Gemütsverfassung jenes Indianers, der zum ersten Male in seinem Leben ein Automobil benutzte, nach wenigen Kilometern anhalten ließ und sich mit der Bemerkung auf die Straße legte, er müsse warten, weil seine Seele hinter dem Tempo zurückgeblieben sei.

Wem gehört das Mandat?

In der sozial-liberalen Koalition spricht man von „Fraktionsüberläufern“ und „Verrätern“. Der CDU-Abgeordnete Dichgans meinte dagegen: „Ein Fraktionswechsel ist legitim und ehrenwert.

Überlaufen bringt kein Glück

Noch nie in der Geschichte des Bundestages haben politische Fahnenflüchtige so herbe Schläge einstecken müssen wie die drei FDP-Abgeordneten, die am vergangenen Donnerstag um ein Haar die sozial-liberale Regierung auf die Oppositionsbänke geschickt hätten.

Hilft Wursteln weiter?

Ende Februar schien die Regierungskoalition der „Linken Mitte“ nach acht krisenreichen Jahren endgültig zerbrochen. Eine vorzeitige Neuwahl bot sich als letztes Mittel an.

Reisen nach Westen

Der Verkehrsvertrag, auf den die Staatssekretäre Bahr und Kohl sich in der vorigen Woche geeinigt haben, und die damit eröffneten Aussichten auf weitere menschliche Erleichterungen in Deutschland sind im Trubel der Bonner Ereignisse bisher noch nicht genügend gewürdigt worden.

Bittsteller im Osten

Ägyptens Präsident hatte es eilig. Kaum war bekanntgeworden, daß Rumäniens Staatschef Ceausescu die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir zum 5.

Suche nach dem Frieden

Die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi und der pakistanische Staatspräsident Ali Bhutto treffen sich Ende Mai oder Anfang Juni zu einem Friedensgespräch Neu Delhi.

Das Tribunal der Armen

Verhärtete Fronten bei der UNCTAD in Santiago de Chile – Eine lange Geschichte der Versäumnisse

Bier-Ruhe

Andere Städte werben mit ihrem Grün, ihrer Größe, ihrer Geschichte. Dortmund hat das alles auch. 49 Prozent der Stadt sind Grünflächen.

„Rot glüht die Hölle“

Wieder einmal, jetzt nur umfassender und nicht ganz so eng in die poetische Kandare gepaßt, reicht Hans Habe seine Tupfer für die Wunden Berlins.

Wie ein Hund

Wöchentlich erscheinen in der BRD Anzeigenblätter, die Interessierten wie Nichtinteressierten kostenlos in die Briefkästen gestopft werden.

Aus dem Takt

Was als wenig spektakuläre Bürgeraktion begann, hat sich zur Affäre ausgeweitet: In der Kemptener Heinrichgasse inmitten der Altstadt fühlte sich eine Gruppe von zumeist älteren Bürgern lärmgeschädigt durch die Jugend-Diskothek „Flash Light“.

Dokumente der ZEIT

„Es geht um den Versuch,-eine Veränderung parlamentarischer Mehrheitsverhältnisse ohne Wählerentscheid herbeizuführen. Das trifft unabhängig von der formalen Legitimität den Nerv dieser Demokratie.

US-Vorwahlen: Muskie verzichtet

„Mir fehlt das Geld, um weiterzumachen.“ Mit diesen Worten erklärte Senator Edmund Muskie seinen Entschluß, nicht mehr an den primaries (Vorwahlen) zur Nominierung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten teilzunehmen.

Algier und Tunis verstärken Kontakte

Der sechstägige offizielle Staatsbesuch des algerischen Staatspräsidenten Boumedienne in Tunesien endete am Freitag voriger Woche mit einer Erklärung, die Zusammenarbeit beider Länder zu verstärken.

Krisenherde der Woche

Einen Tag früher als geplant ist der ägyptische Präsident Sadat am Samstag aus Moskau zurückgekehrt. Nach den zweitägigen Besprechungen mit Parteichef Breschnjew und Ministerpräsident Kossygin erhielt Sadat die Zusicherung, daß Moskau die „militärische Zusammenarbeit vertiefen“ werde.

Hochschulgesetze gibt es viele, aber...

Es hat sich eingespielt, von reformierten und unreformierten Universitäten zu sprechen. So gelten in Hessen etwa – Rudolf Walter Leonhardt berichtete in der letzten Nummer darüber, Helge Pross widerspricht ihm auf der nächsten Seite – alle Universitäten als reformiert, weil es das viel zitierte hessische Hochschulgesetz gibt.

Der Dadamax wird Ehrendoktor

Ein wenig befremdlich liest sie sich schon, die Einladungskarte der Rheinischen Friedrich Wilhelms Universität Bonn zum Festakt am 8.

Notwendiger Nachtrag

Von seiner Hessenreise hat Rudolf Walter Leonhardt das Fazit mitgebracht, das neue hessische Universitätsgesetz sei „im großen und ganzen recht brauchbar“, ein „im Grunde gutes und richtiges Gesetz“.

Einst hießen sie Gruppe 47

Er rief, und alle, fast alle kamen. Die Gruppe zog ins Fischerhaus, Berlin-Grunewald. Welche Gruppe? Hier begegnet eine Schwierigkeit.

Vom Umgang mit der Vergangenheit

Die Glyptothek, das Münchener Schatzhaus antiker Kunst, errichtet in den Jahren 1816 bis 1830, 1944 durch Bomben schwer beschädigt, ist wieder „dem Volke eröffnet“.

ZEITMOSAIK

Er hat ausdrücklich genossen, „das Schaffen (als Architekt) immer wieder mit dem Betrachten (als Hochschullehrer) vertauschen“ zu müssen, und wer seinen elegant geschriebenen Aufsatz im „Handbuch moderner Architektur“ über Bauten der Wirtschaft und Verwaltung – seine Domäne übrigens – nachliest, erkennt gleich wieder den pädagogischen Menschen: Fast die Hälfte handelt von Problemen der Architektur allgemein, von Zweck und Konstruktion und, vor allem, vom „Geheimnis der Form“ und von der „höheren Realität der ästhetischen Erscheinung“ von Bauwerken.

für und gegen: Schriftsteller in der Politik

Bundeskanzler Brandt wies stolz darauf hin: Als erste politische Partei der Bundesrepublik Deutschland hat die SPD einen direkten Kontakt zu Schriftstellern gefunden.

Ein Guru und ein neuer Sound

Nein, sagt Jerry Garcia, damals sei alles ganz anders gewesen, als man es dann in den Medien aufgekocht habe. Tom Wolfes Report über die heute berühmten „Acid Tests“ der Jahre 1964 bis 1966 gebe in keinem Fall das wieder, was damals tatsächlich passiert sei.

Das Unbedingte und die Dinge

Man nennt sie gern zusammen, Novalis und Hölderlin. Aber diese Doppelung ist so widersprüchlich wie die von Goethe und Schiller und so zufällig wie die von Blohm & Voss.

200 Jahre

Eine Zeitung wird immer wieder von interessierten Lesern aufgefordert, irgendwelcher Tage zu gedenken, die mit einer magischen Zahl des Dezimalsystems belegt werden können: 50.

FILMTIPS

Im Fernsehen: „Familienfeiern“ (Japan 1971), von Nagisa Oshima (ARD 10. Mai). Mit der Geschichte einer Familie schildert Oshima zugleich die Nachkriegsgeschichte Japans und das japanische Thema schlechthin: den vergeblichen Kampf zeitgemäßer Forderungen und Ansprüche gegen die Tyrannei erstarrter Formen, Sitten und Strukturen.

Kunstkalender

Das Thema „Kunst und Politik“, das von Kunstvereinsdirektor Busmann vor zwei Jahren (damals noch in Karlsruhe), im Bereich der aktuellen Kunstszene untersucht wurde, soll jetzt durch das große Beispiel der Kunstproduktion in der Sowjetunion 1917 bis 1932 historische Dimenstion gewinnen.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Sechs Stücke zwischen drei und zwölf Minuten lange Inventionen, Toccaten, Fugen, Variationen, stilistisch zwischen Max Reger, Marcel Dupré und Nepomuk David, also spätromantisch mit leichten harmonischen Extravaganzen.

Cannes hat überlebt

Natürlich fahre er nach Cannes, sagte Louis Malle vor ein paar Wochen in München. Vor vier Jahren noch, im revolutionären Mai 1968, hatte der französische Regisseur zu jenen gehört, die dem bürgerlich kapitalistischen Festival an der Côte d’Azur spontan den Garaus machen wollten.

Abroad • Del extranjero • De l’étranger : Auf der Suche nach japanischer Musik

Da hat man seine Musikwissenschaft studiert, hat in der Theorie etwas erfahren von den zahlreichen Epochen und Stationen, den dauernden stilistischen Veränderungen der Kaiserlichen Hofmusik, von Gagaku und Bugaku, hat in der Praxis auch einmal von Schallplatten die Klänge des mittelalterlichen Koto oder der zu einer Art Nationalinstrument emporgestiegenen Langhalsgitarren, der Shamisen, gehört, hat schließlich bei westlichen Festivals gebührend die exotischen Importe No und Kabuki und Kyogen bestaunt (und letztlich nichts von deren für unsere Theaterpraxis ungeheuer langatmigen Vorgängen begriffen).

Versuch, ein Meisterwerk zu beschreiben

In dem in der „edition suhrkamp“ erschienenen Band „Über. Max Frisch“ findet sich kein Aufsatz und keine Rezension über das vor mehr als zwei Jahrzehnten publizierte „Tagebuch 1946–1949“.

Der Klassiker der Skizze

In jenem Jahrzehnt, da Böll ein Praeceptor Germaniae wurde und doch nicht aufhörte, ein rheinischer Schelm zu sein, da der grimmige Poet Grass sich in einen politischen Kämpfer verwandelte, da Koeppen schwieg und Celan zusammenbrach, da Peter Weiß um die Synthese von Kunst und Propaganda sich vergeblich mühte und Siegfried Lenz eine Deutschstunde erteilte, der die Nation begeistert applaudierte – da blieb Max Frisch, was er schon zu sein schien, als er noch gar nicht berühmt war: ein Klassiker inmitten unserer Gegenwart.

Tag, Vati...

Es handelt sich um die Gemeinschaftsarbeit von zwei Amerikanerinnen. Anita Stevens ist eine erfahrene Ärztin und Psychiaterin, die unter anderem als fachärztliche Beraterin für Jugendpsychiatrie am Gracie Square Hospital in New York arbeitet.

Zu empfehlen

In der ebbelosen Flut von revolutionären und antirevolutionären, gutbürgerlichen und antibürgerlichen Veröffentlichungen zum Thema Rauschmittel wirkt dieses sehr lesbar geschriebene Buch des jungen Berliner Soziologen wohltuend wissenschaftlich und nüchtern.

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