Das fängt so harmlos, so beiläufig an: ein Ehepaar, Deeley und Kate, erwartet die Freundin der Frau zu Besuch. Der Mann bohrt ein bißchen gelangweilt neugierig in der Vergangenheit; aber schon, während die beiden noch harmlos plaudern, ob wohl Ragout das richtige Essen sei, weil die Freundin vielleicht Vegetarierin geworden, redet man sich jäh und unmerklich in ein Spinnennetz der Vergangenheit hinein. Harold Pinters "Alte Zeiten", die im Hamburger Thalia-Theater in einer schauspielerisch hervorragend verwirklichten, an Nuancen reichen Inszenierung ihre deutsche Premiere hatten, zeigen Pinters halsbrecherische Fähigkeit, aus einer normalen Konversations-Stück-Situation (Jugendfreundin der Ehefrau kommt zu Besuch) ein Dreieck psychologischer Vertauschungen und Verstrickungen zu bauen, aus dem sich am Ende eine ausweglose Identitätsfindung des Identitätsverlustes ergibt.

Kein bisheriges Stück von Pinter erinnerte mich so sehr an T. S. Eliots vorgebliche Salonstücke. Doch während bei Eliot immer am Ende der liebe Gott aus Whisky und Konversation kroch, um Seelen zu retten, droht bei Pinter am Ende das nackte psychische Verderben: Dr. Freud was here; Menschen sind Resultate ihrer unbewältigten Erinnerungen, die sie – zwecks Bewältigung – fortgesetzt manipulieren und als Waffe gegeneinander einzusetzen suchen. Nicht, daß wir von dem bestimmt sind, was wir glauben, gewesen zu sein, sondern daß das, was war, heute, weil es bestimmend gewesen ist, von uns in der Erinnerung manipulierend verändert wird, um gerade dadurch seine ursprüngliche Macht zu verraten – so kompliziert klingt Pinters Stück, auf eine dürre These gebracht, und so verwirrend klar, unschlüssig schlüssig ist es auf der Bühne.

Ein Salongeplänkel ("Etwas Zucker? Nehmen Sie Milch?") – und die Fassaden einer mühsam behaupteten Identität (die sich ja in Beziehungen zum Partner erweist) gehen in die Brüche. Man mag Pinters Psychologie anstrengend auf ihrer Suche nach symbolischer Schlüssigkeit finden; nicht zu übersehen ist, daß er wie kein zweiter Autor in den Privatheiten eine gesellschaftliche Krankheit aufspürt, daß er seine Obsessionen (anders als etwa Albee) zu objektivieren versteht, daß er uns in den hinterhältigen Vordergrund seiner Stücke lockt, bis wir erkennen, wie unsere Identitätsbehauptungen auch Hahnenkämpfe mit den Klischees der Vergangenheit sind.

Da es Pinter gelingt, die Selbstaushöhlung seiner Figuren aus einer seltsam irisierenden Mischung von privatesten und allgemeinsten Formeln und Formen zu gewinnen, steht jede Aufführung vor dem Problem der speziellen Pinterschen "Charaktere". Reiz und Risiko liegen darin, daß man sich nicht darauf zurückziehen kann, einen so und so bestimmten Theater-Typ (etwa: Architekt, dreißig, füllig: und humorig) zu besetzen, sondern daß Schauspieler ihre Person dem Abenteuer der Pinterschen Dramaturgie ungedeckt und durch keine "Verstellung" beglaubigt aussetzen müssen. Es ist also kein Stück für Verwandlungs-Akrobaten, sondern eher eins, das die individuelle Nervosität seiner Spieler fordert.

Hans Schweikarts Thalia-Inszenierung nutzte diese Möglichkeit bis zur Perfektion. In Boy Gobert, Ingrid Andree und Ursula Lingen hatte sie eine Besetzung, die jede Nuance des Stücks, das aus Nichtigkeiten in pures Entsetzen und aus bedeutungsschwangeren Maskeraden in die bloße Lächerlichkeit kippt, mit großer, den Abend überspannender Intensität verwirklicht.

Vor allem Boy Gobert zog die Rolle des Deeley mit einer solchen Selbstverständlichkeit an sich, daß sie für mich lange Zeit mit diesem Schauspieler besetzt sein wird. Wie da blasierte Neugier sich in Selbstentlarvungen hineinredet, wie da ein verzweifelter Schwadroneur seiner Vergangenheit sich den Boden unter den Füßen wegplaudert, wie stumpfe Begriffsstutzigkeit und eine lauernde Sensibilität einander ablösen. – schon allein das zu beobachten, machte den Abend zum intelligenten Vergnügen. Goberts große, dem Stück entgegenkommende Fähigkeit liegt darin, peinigende Blöße und Nähe der Rolle durch perfekte Distanziertheit ausdrücken zu können.

Ebenso aufregend war es, Ingrid Andree zuzusehen, wie sie aus einer beeindruckenden Entrücktheit Umschläge einer erschreckenden Präsenz erspielte: eine laszive und frigide Tagträumerin zugleich. Daß es Ursula Lingen am schwersten hatte, kommt sicher daher, daß ihr jene Pinter-spezifische Mischung aus glatter gesellschaftlichen Rolle und psychischer Vieldeutigkeit (die sich gegen die Rollenfixierung mehr und mehr sperrt) eigentlich fehlt. Um so erstaunlicher war, wie Frau Lingen sich in das Dreieck immer bedrängender einfügte, ohne bühnenhaft zu "drücken".

Harold Waistnages Bühnenbild, eine mondäne Wohnhöhle, die die Individualität vorgaukelt, die sie in Wahrheit auszehren hilft, war überzeugend aus einer Schlüsselszene entwickelt: wenn nämlich Deeley (Goberts glänzendster Auftritt übrigens) der Besucherin im Schlafzimmer erklärt, wieviel Variationen man mit den beweglichen Betten auf Kugelrollen erreichen könne. Denn auch davon handelt das Stück mit kichernd-melancholischer Intelligenz: wie ein perfektionierter Haushalt einen Gefühlshaushalt zu übernehmen hat. Ein Stück also, das (auch) den zivilisatorischen Prothesen, den Boden unter den Füßen wegrollt. Hellmuth Karasek