Von Arnold Paucker

Leo Baeck, der als Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden zum letzten großenRepräsentanten seiner Gemeinschaft wurde, hat nach der deutschen Katastrophe gesagt, daß es gerade die sozialistischen Arbeiter Berlins gewesen seien, deren menschliche Haltung das Schicksal der jüdischen Bevölkerung erleichtert habe. Baeck meinte die Jahre der Entrechtung und Vertreibung, und er hat diese Worte mit Bedacht gesprochen. Heute wissen wir, daß die einst beliebte These von der sozialistischen Bewegung als dem natürlichen Bundesgenossen der Juden so mancher Korrektur bedarf, und es ist nicht zuletzt das Verdienst der Autoren von zwei Büchern, das widersprüchliche Bild sozialistischer Verhaltensweisen in der Judenfrage erhellt zu haben

Donald L. Niewyk: „Socialist, Anti-Semite, and Jew. German Social Democracy confronts the Problem of Anti-Semitism, 1918–1933“; Louisiana State University Press, Bâton Rouge 1971; 254 Seiten, 8,95 S.

Hans-Helmuth Knütter: „Die Juden und die deutsche Linke in der Weimarer Republik 1918–1933“; in: „Bonner Schriften zur Politik und Zeitgeschichte“, 4; Droste Verlag, Düsseldorf 1971; 259 Seiten, 28,– DM.

Aber selbst wenn man gewisse antisemitische Einbrüche in der Weimarer Zeit konstatieren muß, die sich naturgemäß nach 1933 verstärkten, so blieb es doch die Erfahrung der bürgerlichen jüdischen Gemeinschaft, daß sich die organisierte Arbeiterschaft Deutschlands dank ihrer politischen Erziehung dem Antisemitismus gegenüber viel weniger anfällig erwies als alle anderen Bevölkerungsgruppen.

Die Untersuchung des amerikanischen Historikers Niewyk beschränkt sich auf die Sozialdemokratie und ist, mit geringen Vorbehalten, eine Dokumentation ihres philosemitischen Verhaltens. Oberflächlich betrachtet, fordert sie auch wenig Widerspruch heraus. Gewiß, die Warnungen jüdischer Organisationen, denen man, da bürgerlich, ohnehin mit Mißtrauen begegnete, verhallten allzulange ungehört. Antijüdische Stimmungen in der Partei waren wohl gelegentlich stärker, die Einstellung zu den jüdischen Mitbürgern ambivalenter und ein schablonenmäßiges Judenbild zuweilen akzeptabel. Nur zu oft ließ man sich von den Antisemiten das Kampffeld der ideologischen Auseinandersetzung zuweisen, und Zugeständnisse an den Nationalismus waren erheblich. Fortschrittsgläubige Sozialisten haben optimistisch den Antisemitismus so enorm unterschätzt, daß sich die Juden zuweilen im Stich gelassen wähnten.

Aus all dem ergibt sich eine weitere Dimension des Problems, dem das hier gebotene Studium der Parteipresse nicht völlig gerecht werden kann. Das Hohelied Niewyks wird noch so manche Berichtigung erfahren. Es ist aber zweifelhaft, ob eine Analyse, die über dieses im übrigen sauber gearbeitete und brauchbare Buch hinausgeht, das Bild noch wesentlich verändern kann. Die Sozialdemokratie war nun schon einmal der beste Freund, den Deutschlands Juden hatten.